Funktionalismus dominiert

Wohnen und Design 1966:

Selten zuvor bildeten Individualismus und Standardisierung im Design von Interieurs solche Gegensätze wie in der jüngsten Zeit. Während das »Gelsenkirchener Barock« aus den meisten deutschen Wohnstuben nicht wegzudenken ist, stattet eine kleine, avantgardistisch ausgerichtete Gruppe ihre Häuser mit neuen Formen, Farben und Materialien aus.

Ein Teil der wohlhabenderen, auf Exklusivität bedachten Bundesbürger richtet sich ungeachtet aller Modetendenzen mit antiken Stilmöbeln ein. Alte Gemälde werden hier als passende Ergänzung gewählt. Im Gegensatz dazu bevorzugen immer mehr »Besserverdienende« ein originelles, von Traditionen abweichendes Ambiente: Sitzmöbel aus Stahlrohr, Aluminium und Chrom, Tische mit Glasplatten sowie Lampen aus Metall, kombiniert mit abstrakten oder Pop-Art-Bildern sind »in«.

Diese »Ausstellung« von Exponaten setzt eine gewisse Sterilität des Wohnraums voraus, um Einzelstücke besser zur Geltung zu bringen. Während in den 50er Jahren voluminöse Formen vorherrschten und gefällige Dekoration die Maxime der Innenausstattung darstellte, muss Design jetzt immer auch funktional sein: Originalität und Gebrauchswert dürfen einander nicht ausschließen. In einer Zeit zunehmender Rationalisierung, in der immer mehr Technik Einzug in den Haushalt hält, darf nichts überflüssig erscheinen.

Die Mehrzahl der Bundesbürger setzt aber nach wie vor auf Solidität und Zeitlosigkeit bei der Auswahl ihrer Möbel. Um dennoch bei aller Konformität und mangelnden Experimentierfreudigkeit – nicht zuletzt aufgrund schmalerer Geldbeutel – nicht rückständig zu erscheinen, hält auch beim Mittelstand der Neo-Funktionalismus Einzug. So werden die Haushalte immer identischer, denn die große Auswahl in den Möbel- und Warenhäusern täuscht: Dominant sind Stellarrangements von großflächigen Schrankwänden und Garnituren sowie weiße Einbauküchen. Wenngleich die Formen auf den ersten Blick modernistischer wirken, ist eine konservativ-stereotype Einrichtung, die mehr Langeweile als Fortschrittlichkeit suggeriert, kennzeichnend für den Durchschnittshaushalt.