Gegenentwürfe zu klassischen »Glaskästen« beleben Städte

Architektur 1966:

Die tonangebenden Architekten in den USA und Japan präsentieren 1966 eine Vielfalt von Materialien und Formen, die in den stereotypen Wohnlandschaften der modernen Industriegesellschaften belebende Akzente setzen sollen. In der Bundesrepublik hingegen hält zwar der Bauboom unvermindert an, die mangelnde Kreativität bei der Planung von Wohnbauten macht jedoch vor allem die Satellitenstädte zu einem fortschreitend unwirtlicheren Lebensumfeld: »Beton tötet« liest man auf vielen Wänden der monotonen Mietshäuser.

In den USA werden vor allem die neuen Bauten des weltgrößten Architektenbüros Skidmore, Owings and Merrill gefeiert. Die wohl berühmtesten Epigonen von Ludwig Mies van der Rohe komplettieren das Civic Center in Chicago, ein 210 m hohes Glasgebäude, dessen Metallskelett aus nichtrostendem Stahl besteht. Im Sinne des in den 50er Jahren entstandenen Brutalismus protestiert der Entwurf gegen die Glanzfassaden der »immer gleichen Konservenbüchsen« mit ihren edelstahl-, emaille- oder aluminiumüberzogenen Gerüsten. Ebenfalls viel Lob erntet ihre Konstruktion der Banque Lambert in Brüssel.

Der 80-jährige Mies van der Rohe schöpft weiterhin unermüdlich seine inzwischen als klassisch geltenden »Glaskästen«, die durch großzügige offene Raumgestaltung unbegrenzte Transparenz bieten sollen: Er stellt einen Teil der Verwaltungsgebäude der Universität von Chicago sowie die Meredith Memorial Hall an der Drake Universität in Des Moines (Bundesstaat Indiana) fertig. Zudem arbeitet der Architekt seit vier Jahren an der neuen Nationalgalerie in Berlin. Der vielfach als einförmig und kalt kritisierte Stil van der Rohes provoziert gleichzeitig vielfältige Gegenentwürfe. In zahlreichen Städten werden zerklüftete Betongebirge, sog. Clusters, hochgezogen, die Leben in die von Rechtkantblöcken dominierten urbanen Zentren bringen sollen. In der Tradition des 1965 verstorbenen Charles-Édouard Le Corbusier wird der »eklektizistische Individualismus« kultiviert, der sich einer Einordnung in Architekturschulen entzieht: So konstruiert Charles Moore unter der Devise »Making places« naiv anmutende Holzhäuser in der Nähe von San Francisco, und die Gelände der Universitäten erhalten wieder abwechslungsreiche Gesichter.

Die metabolistische Bauschule Japans, die gesellschaftlichen Wandel durch eine Symbiose von Architektur und Lebensverhältnissen aufzufangen versucht, zeigt sich noch produktiver. Die Metabolisten entwerfen »Megastrukturen«, die dem technischen Fortschritt und dem rapiden Wachstum der Erdbevölkerung gerecht werden sollen. Der Exponent dieses Stils, Kenzo Tange, gewinnt einen internationalen Wettbewerb mit seinem Modell zum Aufbau der durch ein Erdbeben zerstörten Stadt Skopje in Jugoslawien. Sein Schüler Sachio Otani präsentiert die neue Kongresshalle in Kyoto.