Haltbare Nahrung durch Gammastrahlen und Gefriertrocknen

Ernährung, Essen und Trinken 1966:

Mit technischen Neuerungen und modernem Marketing versucht die Lebensmittelindustrie, den stagnierenden Absatz von Konserven, Fertigprodukten und Tiefkühlkost zu steigern. Sie reagiert damit auf Änderungen der Essgewohnheiten und der Vorratshaltung.

Eine langfristige, gesundheitlich unbedenkliche und kostengünstige Lagerung zubereiteter Lebensmittel soll den Verbrauchern helfen, Zeit und Geld zu sparen. Gerichte aus Dosen oder Tüten ergänzen die moderne Palette einer »technisierten Esskultur«.

Auf das Verfahren der Gefriertrocknung setzt ein Unternehmen aus dem Münsterland. Dort wird die erste Großanlage für Gefriertrocknung errichtet. Nach Kaffee, Milch und Suppen sollen fast alle Lebensmittel konserviert werden.

Täglich können 3 t frische Lebensmittel im »Kältetunnel von Billerbeck« auf – 45 °C gefroren werden. Die Lebensmittel, die einen Großteil ihrer Vitamine und Nährstoffe behalten, wiegen letztlich nur noch ein Zehntel ihres ursprünglichen Gewichts und halten bis zu 2 1/2 Jahre in ihrer luftdichten Verpackung. Eine neuartige Methode der Konservierung sorgt auf einem Symposium über Strahlenkonservierung von Lebensmitteln für Aufsehen. Den 200 Teilnehmern der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftskommission der Vereinten Nationen (FAO) wird beim Empfang Frühstücksspeck serviert, der mit Hilfe von Gammastrahlen haltbar gemacht wurde. Die Gefährlichkeit des in den USA entwickelten Verfahrens, das dem Sterilisieren und Pasteurisieren ähnlich ist, bleibt unklar. In den europäischen Staaten ist der Verkauf von bestrahlten Lebensmitteln verboten.

Zum Wohl des Verbrauchers ringen sich die Bundestagsabgeordneten nach fast vierjähriger Diskussion zu einem Gesetz durch, das eine neuartige Beschriftung der Konservendosen festschreibt. Der Hinweis »zum alsbaldigen Verzehr bestimmt« entfällt. Lebensmittelpackungen tierischer Herkunft müssen fortan über Herstellungs- oder Verpackungstag, -monat und -jahr oder die Haltbarkeitsdauer informieren. Tiefkühlkost braucht lediglich eine Monats- und Jahresangabe, hitzekonservierte Waren nur einen Jahresvermerk. Lebensmittel außer Frostkost, geräucherten Fleischwaren und erhitzten Konserven müssen den Zusatz »Auch bei Kühlung nur begrenzt haltbar« tragen.

Eine neue Form des Verkaufs von Nahrungsmitteln versucht das Frankfurter Neckermann-Versandhaus. Mit der Ankündigung, ab September würden frische Schweinehälften im Versandkatalog angeboten, wird eine hitzige Diskussion über Chancen für die Industrie und Nutzen für den Verbraucher in Gang gesetzt. Neckermann garantiert den niedrigen Katalogpreis für ein halbes Jahr. Das Versandhaus betont, dass »kaum Qualitätsverlust« entstehe. Die Temperatur des Fleisches steige auf dem Weg vom Schlachthof zum Konsumenten dank Styroporverpackung lediglich um 4 °C.