Krisensymptome trotz Vollbeschäftigung

Arbeit und Soziales 1966:

Trotz erster Anzeichen einer wirtschaftlichen Krise herrscht in der Bundesrepublik immer noch Vollbeschäftigung. Die Zahl der Arbeitslosen steigt zwar in den strukturschwachen Industriezweigen – Bergbau, Stahlindustrie und Baugewerbe – und vor Weihnachten wird auch in anderen Branchen vermehrt Kurzarbeit angemeldet. Die prognostizierte dramatische Zuspitzung der Lage bleibt jedoch aus. Der Arbeitsmarkt fasst sogar noch 1,3 Mio. Gastarbeiter.

Viele Unternehmen reagieren auf die unübersehbaren Krisensymptome mit Appellen an die Belegschaft, ihre Leistungen zu steigern. Gleichzeitig wird vielfach der Ruf nach Einsparungen in der Sozialversicherung laut, da die prekäre Beschäftigungslage die »Arbeitsmoral« gesteigert habe: Der Vorstand des Automobilunternehmens NSU beispielsweise gibt bekannt, dass nur noch 3% der Arbeiter des Werks seit der Ankündigung von Kurzarbeit im November krankfeierten. Vorher seien es konstant 6% gewesen.

Entgegen solchen Behauptungen kommt eine im Juli fertiggestellte Sozialenquete, die 1964 von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde, zu dem Ergebnis, es bestehe keine Korrelation zwischen Vollbeschäftigung und laxerer Arbeitshaltung. Nur einem verschwindend geringen Teil der Krankgemeldeten könne »Blaumachen« nachgewiesen werden.

In bestimmten Sparten des Arbeitsmarkts stehen immer noch annähernd 320 000 Stellen offen. Besonders im Bildungssektor nimmt der Arbeitskräftemangel allmählich katastrophale Ausmaße an: Lehrer, Professoren und Forschungspersonal werden händeringend gesucht.