Tourismusbranche floriert

Urlaub und Freizeit 1966:

Ob Italien oder Schweden, Indien, Tansania oder Peru: Die Reiselust der Bundesbürger ist ungebrochen. Obschon der zu Sparsamkeit mahnende Kanzler Ludwig Erhard (CDU) es lieber sähe, wenn Ferien auf dem Bauernhof sich größerer Beliebtheit erfreuten, tragen die Deutschen erneut 3 Mrd. DM ins Ausland.

Während in der »bisher unübertroffenen Reiseflut zu Ostern« (»Die Welt«) die Mittelgebirge, Oberbayern und der Bodensee großen Zustrom verzeichnen, sind im Sommer wie in den Vorjahren Südeuropas Sonnenstrände, allen voran die italienische Adriaküste, die Renner im Tourismusgeschäft. Seit 1965 ist sie mit den Reiseunternehmen Touropa, Scharnow und Hummel ebenso wie die Riviera und das jugoslawische Istrien per Flugzeug zu erreichen. Schon zu Ostern zieht es 1 Mio. Europäer auf den Stiefel, bis zum Ende des Jahres zählt das italienische Fremdenverkehrsministerium über 17 Mio. Reisende aus dem Ausland, eine Steigerung von fast 25% gegenüber dem Vorjahr. Obwohl die Lebenshaltungskosten in Italien in den letzten drei Jahren um 20% gestiegen sind, bleiben die Hotelpreise relativ stabil: Ein Zimmer mit Vollpension in einem Mittelklassehotel kostet in der Vorsaison zwischen 7 und 10 DM, in der Hauptsaison zwischen 10 und 20 DM, Service und Kurtaxe inklusive.

Mit Einnahmen von 4,5 Mrd. DM aus dem Fremdenverkehr liegt Spanien jetzt nur noch knapp hinter der kalabrischen Halbinsel, die 5 Mrd. DM durch den Reiseverkehr verdient. Per Pauschaltour strömen vor allem Deutsche und Briten auf die Balearen und die Kanaren, an die Costa Brava und die Costa del Sol. Auch das benachbarte Portugal ist attraktiver geworden: Immerhin tummeln sich hier schon 2 Mio. Sonnenhungrige, 500 000 mehr als im Vorjahr.

Die Tourismusbranche spezialisiert sich inzwischen auf verschiedene Zielgruppen. Da ein Drittel aller Urlauber in Europa junge Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren sind, schießen kommerziell betriebene Jugendreisebüros aus dem Boden. Andere Reiseunternehmen richten spezielle »Jugendabteilungen« ein. Wie sehr die Bedeutung dieses Branchenzweigs in das öffentliche Bewusstsein gerückt ist, zeigt die Diskussion eines Europarat-Gremiums am 3. Juli in Straßburg. Dort wird betont, dass die Reisen junger Leute ein »internationales Bewusstsein« schaffen und zum Abbau von Vorurteilen beitragen könnten.

Obwohl gerade die Bundesdeutschen in den Urlaubsländern die Kassen klingeln lassen, stößt ihr Benehmen vielfach auf Kritik. Bei einer Meinungsumfrage bemängeln Skandinavier, Niederländer, Spanier und Italiener in ähnlicher Form die Anmaßungen teutonischer Gruppenauftritte: Die Deutschen seien häufig unwillig, sich den Sitten der Gastländer anzupassen und fielen durch unangemessene Kleidung, protziges Gehabe und die Wahl falscher Gesprächsthemen auf, vor allem wenn sie auf den Zweiten Weltkrieg zu sprechen kämen. Anfang August berichtet die dänische Tageszeitung »Politiken« über die Unersättlichkeit deutscher Urlauber an kalten Büfetts, an denen nach skandinavischer Sitte ohne Mehrpreis nachgeholt werden kann: »Sie fraßen wie Schweine, füllten ihre Teller turmhoch, futterten bis zum Umfallen, warfen die Reste fort oder entführten sie in Plastikbeuteln.« Aus Südeuropa wird über »wüstes Treiben in Jugend-Feriendörfern« und »totales Vergammeln« von deutschen Jugendlichen berichtet.

Wer den Ärgernissen des Massentourismus entkommen will, muss natürlich ein paar Mark mehr investieren, kann aber auch über die Pauschalreise-Unternehmen noch relativ preisgünstig exotische Ziele anfliegen: Neckermann bietet jetzt zweiwöchige Reisen nach Indien für 1595 DM an – mit »Maharadscha-Service« kostet der »Luxus-Trip« allerdings schon 2540 DM. Bangkok ist für denselben Preis zu haben; ein 14-tägiger Aufenthalt in Acapulco kostet 1980 DM, auf Ceylon 1498 DM. Mit Touropa und Scharnow hingegen kommt man bisher nicht weiter als nach Ostafrika.