Neue Impulse für humanes Wohnen und ästhetisches Bauen

Neue Impulse für humanes Wohnen und ästhetisches Bauen
Neue Nationalgalerie Berlin. By Manfred Brückels (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1968:

Während im Bereich der öffentlichen Bauten und des Industriebaus nach neuen architektonischen Lösungen gesucht wird, werden die Probleme im Wohnungsbau im Wesentlichen quantitativ aufgefasst und mit dem Bau von Trabantenstädten gelöst. Architekten, Soziologen und Politiker weisen jedoch in zunehmendem Maß auf diese »architektonische Sackgasse« hin und fordern neue Ideen für ein menschenwürdigeres und individuell gestaltetes Wohnen.

Angesichts der Wohnungsnot und der Übervölkerung der Städte einerseits und im Glauben an den ungebrochenen Fortschritt andererseits werden immer neue Wohnsiedlungen meist am Rande der Städte aus dem Boden gestampft. Der Wohnungsbau wird zunehmend industrialisiert und immer gigantischer in seiner Ausführung. Während die Befürworter einer solchen Bauweise von Entlastungsstädten oder schlicht Wohnvierteln sprechen, bezeichnen viele Kritiker diese Trabantenstädte als Steinwüsten oder graue Höllen.

Berühmt-berüchtigt ist das Märkische Viertel im Norden von Berlin (West), in dem bis 1972 etwa 16 000 Wohnungen für mehr als 60 000 Menschen in bis zu 18 Stockwerken Hohen Häusern errichtet werden sollen. Kennzeichnend dafür ist der Hochhaus-Block des Franzosen René Gagès, der sich allein über fast 700 m hinzieht. Die Berliner Städteplaner und die 22 Architekten (unter ihnen Ernst Gisel, Ludwig Leo, Ludwig Ungers), die an dem Riesenprojekt beteiligt sind, feiern es als Stadterneuerung, doch Bewohner und Berliner Architekten der jüngeren Generation sehen es nicht zuletzt der hohen Mieten wegen als Musterbeispiel für einen asozialen Wohnungsbau. Ein weiteres Beispiel für misslungenen Siedlungsbau ist die Trabantenstadt Perlach im Südosten von München für 100 000 Menschen. Kritiker bemängeln nicht nur, dass die Landschaft zerstört wird und die Städte ihre Unverwechselbarkeit verlieren, sondern vor allem das soziale Elend (Isolation, Aggressionen) der Bewohner. Hinzu kommt die Beschneidung des individuellen Gestaltungsdrangs, die der bekannte deutsche Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich kritisiert, wenn er sagt: »Die gestaltete Stadt kann Heimat werden, die bloß agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierung der Identität des Ortes.«

Unter dem Vorzeichen des »humanen Städtebaus« bemühen sich einige Architekten und Städteplaner um neue Lösungen. So will man der Uniformität durch flexible Baumethoden entgegentreten. Eine Möglichkeit ist eine variable Skelett-Bauweise im Gegensatz zu vorgefertigten Wohnungs-Einheiten. Bei diesem offenen System könnten die Bewohner über Zimmergröße und -aufteilung mitbestimmen.

Doch ob offenes oder geschlossenes System, allgemein ist das Baukastenprinzip auf dem Vormarsch, wie es bereits 1967 von dem israelischen Architekten Moshe Safdie auf der Weltausstellung in Montreal vorgestellt wurde.

Ein anderer Vorschlag kommt von dem Stuttgarter Architekten Roland Frey, der mit einem Terrassenhaus die Vorzüge eines frei stehenden Einfamilienhauses mit der raumsparenden Geschossbauweise vereinen will. Nach seinem Plan sollen in einem solchen Gebäudekomplex Bauflächen erworben werden, auf denen die Käufer dann ihr »Haus mit Garten« errichten.

Im Bereich der Industrie- und Bürogebäude sowie der öffentlichen Bauten steht die sachliche Architektur mit scharf geschnittenen Profilen und vorgehängten Fassaden im Vordergrund. Stahl, Beton und Glas sind die Materalien für die Gebäude, die meist einer strengen Geometrie gehorchen und mit ihrer funktionalen Bauweise an die Tradition des Bauhauses anknüpfen.

In Berlin (West) wird am 15. September nach dreijähriger Bauzeit die Neue Nationalgalerie Berlin eröffnet, die von dem deutsch-amerikanischen Architekten Ludwig Mies van der Rohe erstellt wurde, der von 1930 bis 1933 Leiter des Bauhauses war. Für 27 Millionen DM errichtete er den Stahlskelett-Bau, der halb im Boden versenkt ist. Die obere Halle ist rundherum verglast und hat eine Stahlbetondecke, die von acht Stahlstützen getragen wird, so dass der Eindruck einer »schwebenden Platte« entsteht. Mies van der Rohe verwirklicht das Prinzip einer klaren, ungebrochenen Geometrie und stellt die strukturelle Idee vor die funktionale.

Ein weiteres herausragendes architektonisches Ereignis ist die Fertigstellung der Wallfahrtskirche in Neviges/Nordrhein-Westfalen. In der ihm eigenen ausdrucksvollen Formensprache errichtete der Architekt Gottfried Böhm in dem Wallfahrtsort einen Sakralbau in einer kristallinen Form, der sich zu einem zerklüfteten Betongebirge auftürmt und bis zu 6000 Pilgern Platz bietet.

Zu den wenigen auch international anerkannten Leistungen der bundesdeutschen Nachkriegsarchitektur gehören die Sportstätten für die Olympischen Spiele 1972 in München. Am <!– 21. Juni 1968–> wird der Entwurf für das bislang größte Hängedach der Welt vom Aufsichtsrat der Olympia-Baugesellschaft endgültig genehmigt. Mit dem weitgeschwungenen Zeltdach knüpfen der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch und seine Partner an das Zeltbauprinzip des deutschen Architekten Frei Otto an.