Alternative zu Wohnghettos

Architektur 1969:

Parallel zur Fertigstellung von Trabantensiedlungen wie der des Märkischen Viertels in Berlin (West) finden auch neuartige wohnungs- und städtebauliche Konzepte starke Beachtung. Sie setzen sich deutlich vom herkömmlichen Mietwohnungsbau ab.

Ungewöhnliche Wege beschreiten dabei die Protagonisten des sog. Terrassen- bzw. Hügelhauses. Im Vordergrund steht der Gedanke, zusätzliche Zonen des offenen Wohnens zu schaffen, um Alternativen zum bisherigen Mietwohnungsbau zu bieten. In diesem Zusammenhang werden auch die geschachtelten Wohnzellen des israelischen Architekten Moshe Safdie diskutiert, der 1967 auf der Weltausstellung in Montreal mit seinem Terrassenblock-Projekt »Habitat« weltweites Aufsehen erregte. Safdie will mit seinen Ideen den großstädtischen Wohnungsbau an humanen Prinzipien ausrichten, indem seine Architektur offen für individuelle Gestaltungsmöglichkeiten bleibt.

Im Gegensatz dazu gerät die seit 1963 in Berlin (West) entstehende Wohnsiedlung Märkisches Viertel zunehmend in die Schusslinie der Kritik. Die Bewohner der vorwiegend aus gigantischen Betonbaukörpern bestehenden Siedlung beklagen sich vor allem über die allzu große Anonymität sowie über fehlende Versorgungseinrichtungen. Verantwortlich für das Viertel zeichnet das Berliner Architektenteam Werner Düttmann, Hans Müller und Georg Heinrichs, die 1962 beauftragt wurden, einen Plan mit größerer Bebauungsdichte als ursprünglich vorgesehen zu erarbeiten. Geplant sind Wohnungen für 60 000 Menschen.

Ein anderes städtebauliches Gesamtkonzept bietet die ebenfalls umstrittene »Trassenstadt«, die sowohl auf dem Städtebaukongress im französischen Cannes als auch bei der 42. Delegiertenversammlung des Bundes Deutscher Architekten in München zu den vorgestellten Entwürfen zählt. Nach einer Konzeption der Architekten Günter Bock (Frankfurt am Main) und Carlfried Mutschler (Karlsruhe) sollen dabei alle Formen städtischer Hochbauten und Einrichtungen über einem schnellen Auto- und Massenverkehrsband schichtweise angeordnet werden. Pragmatische Städteplaner wie der Berliner Egbert Kossak lehnen diese Entwürfe wegen ihres »Utopismus« ab.

Neue Wege verfolgt auch der belgische Architekt Lucien Kroll. Ab 1969 leitet er den Bau von Studentenwohnheimen sowie eines Universitätsgebäudes in Wolluvé St. Lambert, einem Vorort von Brüssel. Seine als »kontrollierte Anarchie« interpretierte Arbeit zeichnet sich durch ein hohes Maß an Mitbeteiligung der Betroffenen bei Entwurf und Realisierung aus. Dabei entstehen differenzierte, »heitere« Strukturen, Ausdruck der vielfältigen individuellen Kreativität und Versuch, den unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.

Der deutsche Architekt Josef Paul Kleihues beginnt mit dem Entwurf zu der Hauptwerkstatt der Westberliner Stadtreinigung in Berlin-Tempelhof eine seiner wichtigsten Arbeiten (errichtet 1972 bis 74). Sichtbar belassene Betonfertigteile und großflächige Verglasungen werden streng geometrisch angeordnet. Kleihues entwickelt Ende der 60er Jahre eine eigene architektonische Formensprache in Verwandtschaft zur italienischen »Rationalen Architektur«, steht aber zugleich in der Tradition des preußischen Klassizismus.

Durch einen formal bis zum Äußersten radikalisierten Rückgriff auf die frühe Moderne zeichnen sich die Arbeiten des US-Architekten Michael Graves aus, der später als Mitglied der »New York Five« einem größeren Kreis bekanntwird 1969 beginnt er den Bau des durch eine »kubistische Grammatik« geprägten Snyderman House in Fort Wayne (US-Bundesstaat Indiana).

Geprägt von einer linearen Konzeption dagegen ist das von dem Australier John Andrews entworfene Studentenwohnheim im kanadischen Guelph.