Ausweitung der »infam-raffinierten Triebaktivierung«?

Werbung 1969:

Auf dem Werbesektor verschärft sich die Kluft zwischen Werbefachleuten, die konventionelle Methoden und Verkaufsstrategien vertreten, und einer neuen Generation, die mit spektakulären Ideen aufwartet und zu deren exponiertesten Vertretern das »Werbegenie« Charles Wilp zählt.

Auf dem am 11. Juni in München beginnenden fünftägigen »Kongress der Werbung« – zugleich Feier zum 20-jährigen Bestehen des Zentralausschusses der Werbewirtschaft (ZAW) – wird in Vorträgen und Diskussionen ein Resümee der Geschichte bundesdeutscher Werbung gezogen. Zugleich werden neue Tendenzen aufgezeigt. Nach Ansicht einer Reihe junger Werbefachleute etwa darf sich die Werbung künftig nicht mehr damit begnügen, Güter auf dem Markt einzuführen und langfristige Absatzerfolge zu sichern. Vielmehr sollten Werbeexperten Marktnischen suchen und neue Märkte aufspüren. Deutlich wird auf dem Kongress auch der Gegensatz zwischen den Anhängern einer »kreativen« Werbung (Erfinden von »Spots, Gags und Slogans«) und jenen, die Werbung vor allem unter dem Aspekt der Aufbereitung von Marktdaten sehen. Umstrittener Star der bundesdeutschen Werbebranche ist der Düsseldorfer Fotograf und Reklamefachmann Charles Wilp, der 1969 u.a. eine Werbekampagne für das Deutsche Rote Kreuz konzipiert. Die als konservativ geltende karitative Organisation beauftragt Wilp, sie vom herkömmlichen »Samariter-Image« zu befreien und als moderne Organisation darzustellen. Im Zuge der Kampagne, an der auch große Industrieunternehmen beteiligt sind, sollen Nachwuchskräfte für das DRK gefunden werden. Wilp »erlöst« die Rotkreuzschwestern zu diesem Zwecke vom Stigma der Geschlechtslosigkeit und stellt sie als Frauen mit ausgeprägtem Sex-Appeal dar.

Der wegen seiner unkonventionellen Methoden in der Branche umstrittene 37-jährige Wilp gilt als einer der der »Werbung als psychedelisches Pop-Happening« (»Der Spiegel«) entwarf. 1968 produzierte er für die Limonade »Africola« die erfolgreichste Werbekampagne des Jahres. Wie provokant Wilp wirkt, zeigt die Reaktion des Verbandes deutscher Werbeagenturen auf ein im Dezember von der ARD ausgestrahltes 40minütiges Fernsehporträt des Werbefotografen. In einem Protestschreiben an den zuständigen Intendanten heißt es: »Die Zuschauer erlebten Werbung als Geschehen zwischen Clownerie, infam-raffinierter Triebaktivierung und sexueller Orgie … ein Vorstellungsbild, das mit verantwortungsbewusster seriöser Arbeit kaum etwas gemein hat.«

Betont aggressiv präsentieren sich Werbefilmer auf dem Berliner »Werbefestival« im März.

Werbefilme gehören zu den aufwendigsten Produktionen der bundesdeutschen Werbebranche.