Chancengleichheit als Ziel

Bildung 1969:

Das Schlagwort »Chancengleichheit« prägt die bildungspolitischen Diskussionen ebenso wie die Forderungen nach Einführung der Gesamtschule.

Noch immer bietet das dreigliedrige Schulsystem der Bundesrepublik nach Meinung seiner Kritiker keine Chancengleichheit. Während 36,6% der Akademiker-Kinder der Sprung an die Universität ermöglicht wird, sind es bei den Arbeiterkindern nur 5,7%. Daher werden u.a. in den politischen Parteien Entwürfe für ein gerechteres Bildungssystem diskutiert. In einem Ende Januar vorgestellten »Modell für ein demokratisches Bildungswesen« fordert die SPD eine grundlegende Änderung der Schulstrukturen: Dabei ist zunächst der Ausbau von Kindergärten zu Vorschulstufen vorgesehen. Einer fünfjährigen Grundschule soll dann eine ebenso lange Mittelstufe folgen, und zwar in einer integrierten Gesamtschule, die Volks-, Mittel- und Oberschule vereinigt. In diesem Rahmen sollen nach dem Willen der SPD zahlreiche Übergangsmöglichkeiten geschaffen werden, um jedem Schüler ein Vorwärtskommen nach Neigung und Leistung zu ermöglichen. Nach Ansicht des Westberliner Schulsenators und profilierten Bildungspolitikers Carl-Heinz Ewers (SPD) wird die Gesamtschule sowohl demokratischen Ansprüchen wie auch den Erfordernissen der modernen Industriegesellschaft gerecht.

Auch der Deutsche Bildungsrat, der im staatlichen Auftrag allgemeine Bedarfs- und Entwicklungspläne für das Bildungswesen in der Bundesrepublik entwerfen soll, propagiert diesen Schultyp. In einem Gutachten von Anfang Mai legt eine von ihm eingesetzte Bildungskommission ihre »Empfehlungen von Schulversuchen mit Gesamtschulen« vor. Im Vorwort fasst der Vorsitzende des Bildungsrates, Karl Dietrich Erdmann, die zugrundeliegenden Ideen zusammen:

  • Chancengleichheit für alle Schulkinder
  • Forderung des einzelnen je nach Neigung und Fähigkeit
  • Vermeidung verfrühter Entscheidung über die schulische Laufbahn
  • Möglichkeit, verfehlte Entscheidungen zu korrigieren
  • breites Fächerangebot.

Der Schaffung von Chancengleichheit dient auch die sog. kompensatorische Erziehung, wie sie etwa in einem Modellversuch des Westberliner senatseigenen »Pädagogischen Zentrums« in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung umgesetzt wird. Dabei sollen etwaige »Milieuschäden« ausgeglichen werden.

In den Hochschulen wird vor dem Hintergrund der Studentenbewegung mehr Mitbestimmung und ein stärkerer Gesellschaftsbezug von Studium, Lehre und Forschung gefordert (<!– –>3.3.<!– –>).