Industriegesellschaft fordert neue Bildungsziele in der Bundesrepublik und in der DDR

Bildung 1969:

Als »Bundestagsdrucksache V/4609« erscheint 1969 eine vergleichende Darstellung des Bildungswesens in der Bundesrepublik und der DDR, aus der im Folgenden die einleitenden Passagen zitiert werden:

»Das Bildungswesen in entwickelten Industriegesellschaften hat sich den schnellen Wandlungen im wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Bereich anzupassen. Das gilt auch für das geteilte Deutschland. Eine Gegenüberstellung der Äußerungen von Fachleuten und Politikern in beiden Teilen Deutschlands zwischen 1964 und 1968 zeigt, dass die Diagnose der im Gange befindlichen Entwicklungen weitgehend übereinstimmt und dass auch die Prognosen in dieselbe Richtung weisen…

a) In der modernen Wissenschaftsentwicklung zeigen sich deutlich vier Tendenzen: das stürmische Wachstum wissenschaftlicher Kenntnisse mit den sich daraus ergebenden Problemen der Wissensspeicherung und Informationsvermittlung; die Differenzierung der Wissenschaften in neue Disziplinen und Teildisziplinen sowie der entgegengesetzte Vorgang der Integration von Spezialdisziplinen zu neuen Grenz- und Querschnittswissenschaften; die zunehmende Verkürzung zwischen wissenschaftlicher Entdeckung oder Erfindung und ihrer praktischen Anwendung großen Stils; die dadurch bedingte ›Verwissenschaftlichung‹ der Produktion… Dieser Vorgang wird in Mitteldeutschland (gemeint: DDR) auf die Formeln ›Wissenschaft als unmittelbare Produktivkraft‹ und ›wissenschaftlich-technische Revolution‹ gebracht… Die ›Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution‹ wird in Mitteldeutschland als die zentrale bildungspolitische und pädagogische Aufgabe gesehen.

b) Die technischen Wandlungen in der Produktion … werden begleitet von Änderungen der Arbeitskräfte- und Berufsstruktur… Die Veränderungen in der modernen Arbeits- und Berufswelt und die daraus resultierenden Bildungsaufgaben werden im anderen Teil Deutschlands unter dem Stichwort ›Einheit von Ökonomie und Bildung‹ zusammengefasst Dieser Grundsatz stellt einerseits das Fundament für die Einordnung des Bildungswesens in das wirtschaftliche Planungssystem dar; andererseits bringt er die Überzeugung zum Ausdruck, dass das Bildungsniveau des einzelnen und der Gesellschaft eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung der Produktivkräfte ist.«