Liebstes Kind der deutschen Wohlstandsgesellschaft

Auto und Verkehr 1969:

»Die Auftragsbücher sind prall gefüllt Lieferfristen sind an der Tagesordnung. Allen Verkehrsmiseren zum Trotz ist das Auto nach wie vor das begehrteste Objekt einer sich immer mehr nivellierenden Gesellschaft«, schreibt die »Süddeutsche Zeitung« vor Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main (11.-21. 9.). Die bundesdeutsche Automobilindustrie verzeichnet im Hochkonjunkturjahr 1969 Rekordumsätze.

Erstmals wurden innerhalb von sechs Monaten (erste Jahreshälfte 1969) über eine Million fabrikneuer Fahrzeuge für den Verkehr in der Bundesrepublik zugelassen. Branchenführer im Inland ist mit 217 682 verkauften Pkw VW (Marktanteil 24,2%), gefolgt von Opel mit 163 251 Pkw (Marktanteil 18,1%) und Ford mit 136 444 (15,1%). BMW erhöhte im ersten Halbjahr 1969 den Umsatz um 44%, Peugeot verbesserte die Zulassungen auf dem bundesdeutschen Markt um rd. 48%. In ganz Europa wurden bereits 1968 mehr Autos als in den USA gebaut: Insgesamt waren es über elf Millionen Stück.

Angesichts überfüllter Autobahnen und Bundesstraßen spüre man, so die »Süddeutsche« weiter, »die Vermassung in Blech und PS, die allen Individualismus zu ersticken droht. Trotzdem mangelt es nicht an Neuheiten und Modellvarianten. Die heimlichen Verführer sind mitten unter uns.« Stars der diesjährigen IAA sind das neue Mercedes-Sportcoupé C 111 (s.u.) und der »Volks-Porsche« genannte zweisitzige Sportwagen VW-Porsche 914, den VW und Porsche gemeinsam bauen wollen. Das targaähnliche Coupé mit abnehmbarem Plastikdach hat, wie auch der C 111, einen Mittelmotor (das Triebwerk liegt vor der Hinterachse), der eine »nahezu ideale Gewichtsverteilung« und »optimale Kurvengeschwindigkeiten bei tiefgelegtem Schwerpunkt« gestattet (»Süddeutsche Zeitung«). Der Volks-Porsche wird zunächst mit dem 1,7-Liter-Motor des VW 411 E angeboten.

Bereits im Januar hatten die bundesdeutschen und britischen Ford-Werke das Familien-Coupé Capri vorgestellt.

»Sicherheit, Abgasreinigung, stärkere Elektronik und Komfort«, das sind nach Ansicht von VW-Chef Kurt Lotz die künftig bestimmenden Faktoren des Automobilbaus. Nach entsprechenden Forschungen an der Technischen Universität Berlin (West) im Auftrag des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA) werden Sicherheitsgurte für alle Insassen sowie Kopfstützen und Knautschzonen an Wagenfront und -heck empfohlen.