Touristenmassen stürmen Mittelmeerküsten

Urlaub und Freizeit 1969:

Nach der Wirtschaftsflaute der vergangenen zwei Jahre, die auch einige Tourismuszweige zu spüren bekamen, bringt die Reiselust der Bundesbürger die Branche 1969 wieder kräftig auf Touren. Die neue Hochkonjunktur und die weiterhin zunehmende Motorisierung sorgen dafür, dass die Urlaubsreise für immer mehr Menschen zu einem selbstverständlichen Konsumgut wird.

Einer repräsentativen Umfrage der Tübinger Wickert-Institute zufolge machen im Jahr 1969 bereits zwei Drittel aller Bundesbürger eine Ferienreise, was alle bisherigen Rekorde in den Schatten stellt. Dabei bestimmen nach wie vor die Urlauber, die im eigenen Pkw reisen, mit 63% den Trend. Nur 22% benutzen die Bahn, 14% das Flugzeug und nur 1% das Schiff. Bei den Flugreisen wird allerdings mit einer weiteren Steigerung um 20 bis 30% gerechnet. Zugleich ist der Urlauber ’69 nach der erwähnten Umfrage bereit, etwas mehr als bisher für sein Ferienglück auszugeben: Im Durchschnitt 854,50 DM gegenüber 770,10 DM im Vorjahr. Unter den Bundesdeutschen werden Auslandsreisen immer beliebter. 1969 wollen bereits 49% aller Urlauber ins Ausland fahren (1968: 45%). Hauptreiseländer sind Österreich und Italien, gefolgt von Spanien, der Schweiz, Jugoslawien und den Niederlanden. An den inzwischen zum größten Ferienrevier in Europa avancierten italienischen Adria-Stränden (»Teutonengrill«) stehen etwa eine halbe Million Touristenbetten zur Verfügung. Neben den altbekannten Badeorten wie Jesolo, Rimini, Riccione und Cattolica sind neue Ferienzentren namens Lignano-Pineta, Bibione-Pineta und Lido delle Nazioni entstanden, die ganz auf die Bedürfnisse der »Normalurlauber« zugeschnitten sind. So werden fast überall Tennis, Tanz und Freiluftkino angeboten, auch Wasserski, Bootsfahrten, Pizzeria und deutsches Bier, Markttage und Miss-Wahlen.

Nicht alle Ferienziele sind auf den diesjährigen Urlaubs-Boom vorbereitet. Mallorca z.B., das in diesem Jahr von rund einer halben Million Briten und Bundesdeutschen besucht wird, ist mit 110 000 Touristen voll ausgelastet. An manchen Tagen in der Hochsaison befanden sich aber 60 000 Urlauber mehr auf der spanischen Insel. Provisorische Unterbringungen in Hotelfoyers, »Mehrbettzimmern« und finsteren Abstellkammern waren die Folge der von den einheimischen Hotels und Reiseagenturen zu verantwortenden Überbelegungen. Auf die Reiseveranstalter in der Bundesrepublik rollt deshalb am Ende der Hochsaison eine Beschwerdewelle zu. Auch an der Adriaküste Jugoslawiens und Italiens hat es »nicht überall mit den Zimmern geklappt«, wie ein deutscher Reiseunternehmer einräumt. Teilweise wurden die verärgerten Touristen »verschoben«, also nicht im gebuchten Hotel, sondern in – häufig minderwertigen – »Ausweichquartieren« untergebracht.

Groß in Mode kommt der Hobbyurlaub, vor allem die Erholung bei sportlicher Betätigung. Eine breite Angebotspalette gibt es z.B. für Wassersportler und Amateurtaucher. Tauchausrüstungen sind bereits ab 400 DM zu haben. Eine »individuelle Urlaubsgestaltung« bietet auch der Club Mediterranée, der verstärkt auf deutsche Urlauber zielt. In über 32 Bungalow- und Hotelanlagen des Clubs in zwölf verschiedenen Ländern kann der Aktivurlauber schwimmen, Tennis spielen, angeln, segeln, tauchen, fechten u.a.

Ein weiterer Reisetrend lässt sich überschreiben mit dem Slogan »Zurück zur Natur«. Dahinter verbirgt sich der Urlaub auf dem Bauernhof ebenso wie die nahtlose Bräunung am FKK-Strand. Nach verschiedenen Schätzungen sollen bereits zwischen vier und acht Millionen Bundesbürger am Strand die Hüllen fallen lassen

Für Kinder, die in den Sommerferien nicht verreisen, gibt Hamburg als erste Großstadt in der Bundesrepublik einen Ferienpass aus. Mit dem Pass der 14,50 DM kostet, können sechs- bis 15-jährige Kinder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und alle Sommerbäder sowie den Ausstellungspark »Planten un Blomen« besuchen.