Bundesdeutsche Blechlawine rollt unverdrossen gen Süden

Urlaub und Freizeit 1970:

Kaum je zuvor hatten die Bundesbürger so viele Urlaubstage und so viel Geld für Reisen zur Verfügung wie im Jahr 1970.

In den Sommermonaten verstopfen Millionen Touristen Wochenende für Wochenende mit ihren Autos die Autobahnen. Staus und völlig überfüllte Urlaubsorte im beliebten Ferienziel Italien sind Folgen eines ständig zunehmenden Massentourismus.

Mit wachsender Tendenz reisen die Bundesdeutschen ins Ausland, wenn auch noch die Mehrheit (rd. 60%) Ziele in der Bundesrepublik bevorzugt. Hier rangiert Bayern mit rund einem Viertel aller Inlandsurlauber an der Spitze, gefolgt von Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Mindestens 15 Mio. Bundesbürger verbringen 1970 ihren Sommerurlaub im Ausland. Hauptreiseland ist Österreich, an zweiter Stelle steht Italien. Mit großem Abstand folgen Spanien, die Schweiz, Jugoslawien und die Niederlande. Die Italienfahrer wollen im Urlaub vor allem »Sonne tanken«, was den italienischen Stränden an Adria und Riviera den spöttischen Beinamen »Teutonengrill« verschafft.

Da in einigen europäischen Reiseländern die Preise zum Teil erheblich gestiegen sind, wird der Auslandsurlaub in diesem Jahr teurer. Nur in Österreich sind die Preise um durchschnittlich 5% gesunken. Während die Schweiz, Frankreich und Jugoslawien etwa so teuer wie 1969 geblieben sind, müssen bundesdeutsche Touristen in Italien, Portugal, Spanien und Großbritannien mit gewissen, in Skandinavien mit erheblichen Mehrkosten rechnen. Dort sind die Hotelpreise um rd. 15% gestiegen.

Mehr als die Hälfte der Inlandsurlauber erreicht ihren Urlaubsort mit dem eigenen Pkw, bei den Auslandsreisenden sind es annähernd zwei Drittel – kein Wunder, dass es an den jeweiligen Ferienanfangsterminen der Bundesländer zu chaotischen Zuständen auf den Autobahnen kommt. Nervenraubendes Warten in kilometerlangen Staus und zahlreiche Unfälle sind dann an der Tagesordnung.

Immer mehr Touristen steigen deshalb auf das Flugzeug um. So verzeichnet die Lufthansa im ersten Halbjahr 1970 fast eine halbe Mio. mehr Fluggäste (3,233 Mio.) als im ersten Halbjahr 1969, und der Luftverkehr insgesamt befördert im Vergleich zum Vorjahr 20,7% mehr Personen. Jedoch müssen die Urlauber in Hauptreisezeiten auch hier mit Widrigkeiten wie überfüllten Flughäfen und verspäteten Maschinen rechnen.

Ermöglicht wird die »Reisewut« der Bundesdeutschen durch höhere Einkommen und mehr Urlaubstage. Seit 1960 stieg der durchschnittliche Urlaubsanspruch der Arbeitnehmer von 14 auf 20 Arbeitstage im Jahr. Nach Ermittlung des Marktforschungsinstituts infas reisen die Bürger häufiger bei höherem Einkommen. 42% der unter 1000 DM Verdienenden verreisen nicht; bei der Einkommensgruppe über 2600 DM sind es nur 11%