Hochhausarchitektur bleibt spektakulär und umstritten

Architektur 1970:

Die Architektur bleibt zu Beginn der 70er Jahre mit den Problemen der übersteigerten technologischen Euphorie des vorangegangenen Jahrzehnts verknüpft. Noch immer werden immer höhere Hochhäuser als stählerne »Symbole der Macht« gebaut, noch sind die riesigen Trabantensiedlungen der 60er Jahre nicht vollendet. Dennoch wird die Kritik an der architektonischen Gigantomanie lauter.

Zunächst aber werden auch beim Hochhausbau konstruktive Verbesserungen deutlich – dokumentiert etwa durch das John Hancock Center in Chikago (USA). Bei diesem von Skidmore Owings & Merrill (SOM) konzipierten Gebäude werden die »statischen Funktionen der Kerne« in die Außenhaut verlegt. Der sich nach oben verjüngende Bau wird von Diagonalverstrebungen überzogen, der bisherige Stahlbedarf dadurch halbiert.

Ästhetisch bleibt das Hancock Center jedoch unbefriedigend. Weniger plump und ungegliedert wirkt der 1970 begonnene, 442 m hohe Sears Tower mit seinen neun unterschiedlich hohen Türmen und versetzten Geschossen. Der als Verwaltungszentrale geplante, ebenfalls von SOM konzipierte Großbau setzt die Reihe spektakulärer Beiträge der USA zur Architektur um 1970 fort.

In der Bundesrepublik stößt das seit 1963 in Berlin entstehende Märkische Viertel auf heftige Kritik; es ist mit seinen derzeit 35 000 Bewohnern (Zielwert: 60 000) das größte bundesdeutsche Wohnbauprojekt. Die Bewohner der vom Berliner Architektenteam Werner Düttmann, Hans Müller und Georg Heinrichs völlig neu geplanten, vorwiegend aus gigantischen Betonbaukörpern bestehenden Trabantensiedlung klagen u.a. über Anonymität sowie über fehlende Versorgungseinrichtungen. Viele Mieter fliehen wieder aus dem 1,5 Mrd. DM teuren »Zuchthaus aus Beton«. An der Ausführung des Riesenkomplexes hatten fast 40 in- und ausländische Architekten mitgearbeitet, u.a. Oswald Mathias Ungers und Ludwig Leo. Die gigantischen Wohnkomplexe gruppieren sich dabei um eine zentrale Achse (Wilhelmsruher Damm). Bestehende Einfamilienhäuser und Gärten blieben als »natürliche Grünfläche« erhalten. Gegenläufige architektonische Entwürfe finden sich u.a. bei den niederländischen Strukturalisten mit ihrer Hinwendung zu kleineren Einheiten – nicht nur im Wohn-, sondern auch im Verwaltungsbau (z.B. »Centraal Beheer« in Apeldoorn, entworfen von Hermann Hertzberger, 1970-72).