Immer mehr Autos – immer mehr Unfälle, Lärm und Abgase

Verkehr 1970:

Immer deutlicher wird, dass die Zunahme des Individualverkehrs auch Schattenseiten hat. Das Konzept der »autogerechten« Stadt, das die Planer in den 60er Jahren entwarfen, erweist sich als eine Katastrophe: Lärm und Abgase, eine erhöhte Unfallgefahr und zugeparkte Bürgersteige vermindern die Lebensqualität für die Bevölkerung in den Städten.

Nach der Statistik besitzt 1970 fast jeder vierte Bundesbürger ein Auto. Auf 1000 Personen kommen 230 Pkw. Die Zahl der Zulassungen fabrikneuer Kraftfahrzeuge steigt gegenüber dem Vorjahr um 13,7% auf mehr als 2,3 Mio. Damit erhöht sich der Gesamtbestand an Kraftfahrzeugen in der Bundesrepublik auf 16783000. Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich ihre Anzahl mehr als verdoppelt.

Insgesamt stehen in der Bundesrepublik Straßen in einer Länge von mehr als 160 000 km zur Verfügung. Die Masse des Verkehrs konzentriert sich allerdings auf die ca. 6000 km städtischen Straßen. Die drangvolle Enge, Hektik und der Lärm des Straßenverkehrs stellen immer größere Anforderungen an die Verkehrsteilnehmer. Der Stress so meinen Forscher, sei im dichten Verkehr der Großstadt größer als der von Piloten beim Start einer Boeing. Der Anstieg der Unfallzahlen ist die Folge dieser Überforderung. 1970 sterben auf den Straßen der Bundesrepublik mehr Menschen als je zuvor: 19 193 Personen, die Einwohnerschaft einer Kleinstadt, kommen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Das sind 15% mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Leicht- und Schwerverletzten steigt um 12% auf 531795. Insgesamt ereignen sich 1,39 Mio. Unfälle. Neben dem zu schnellen Fahren ist Alkohol eine der häufigsten Unfallursachen. Mit einer großangelegten Aufklärungskampagne (»Mein fester Wille ohne Promille«) bemüht sich Verkehrsminister Georg Leber (SPD), das Problem anzugehen. In der Diskussion um eine Senkung der Unfallziffern spielt auch eine Herabsetzung der zulässigen Alkoholgrenze auf 0,8 Promille eine Rolle.

Am 16. November 1970 wird eine neue Straßenverkehrsordnung beschlossen (StVO). Sie soll am 1. März 1971 in Kraft treten und die alte Verordnung aus dem Jahr 1937 ablösen. In die allgemeinen Regeln wurde u.a. der Appell an die Verkehrsteilnehmer, defensiv zu fahren, neu aufgenommen. Nach der neuen StVO ist das Spurfahren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten erlaubt. Änderungen ergeben sich auch beim Parken: In Zukunft gibt es Zonen mit absolutem bzw. eingeschränktem Halteverbot. Eine Reihe von Verkehrszeichen werden geändert und so den internationalen Verhältnissen angepasst Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass das Auto zu einem erheblichen Teil an der Schädigung der Umwelt Schuld trägt. Konsequenzen aus diesem Wissen werden jedoch nur zögernd gezogen. Die öffentlichen Nahverkehrssysteme und die Deutsche Bundesbahn sind nachweislich sicherer und energiesparender, doch die Attraktivität des mobilen Individualverkehrs wächst. Die Verlagerung des Gütertransports von der Schiene auf die Straße hält an. Die Bundesbahn gerät dadurch zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Rationalisierungen werden vor allem im Personalbereich für notwendig gehalten. Am 23. Juli stimmt die Bundesregierung endgültig einem Vorschlag der Bundesbahndirektion zu, sechs regionale Bahndirektionen zu schließen. Von der Maßnahme sind 2400 Bahnbeamte betroffen. Das »Ausbauprogramm 1970« der Bundesbahn, für das die Planungen beginnen, sieht einen Umbau von Eisenbahnstrecken für höhere Geschwindigkeiten vor.

Die Belastung der Städte durch den Verkehr erzwingt seit dem Ende der 60er Jahre die Verbesserung der Nahverkehrssysteme. Ein Großteil der notwendigen Investitionen wird seit 1967 durch einen Anteil am Erlös aus dem Mineralölsteueraufkommen gedeckt. Am 9. Dezember 1970 verabschiedet der Bundestag ein neues Gemeinde-Verkehrsfinanzierungsgesetz, das die bisherige provisorische Regelung aufgrund einer Regierungsverordnung ersetzt. Zukünftig sollen 55% der vom Bund zugewiesenen Gelder für den kommunalen Straßenbau verwendet werden und 45% für die Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs.

Eine neue Ära im Flugverkehr beginnt am <!– 12. Januar 1970–> mit dem Einsatz des neuen Großraumverkehrsflugzeugs vom Typ Boeing 747 (»Jumbojet«), das erst im vergangenen Jahr einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Wie anfällig jedoch der Verkehr in der Luft ist und welche neuen Gefahren drohen, beweisen die politisch motivierten Entführungen von Flugzeugen, wie z.B. am <!– 6. September 1970–>, als kurz nacheinander vier Maschinen gekidnappt werden.

Mit der Zunahme des Flugverkehrs kommt es immer häufiger zu Beinahe-Zusammenstößen im Luftraum über der Bundesrepublik. Die Ursachen dafür sind nach Meinung von Experten die fehlende Luftverkehrskontrolle oberhalb von 7500 m, die veraltete Luftverkehrsordnung und die mangelnde Koordination zwischen ziviler und militärischer Flugüberwachung. Innerhalb von nur zwei Wochen meldet im April allein die Flugsicherungsleitstelle in Hannover vier »gefährliche Begegnungen« von Militärflugzeugen und zivilen Maschinen, die jedes Mal die Gefahr eines Zusammenstoßes heraufbeschwören.