Wohnungsnot den Kampf angesagt – durch Flexibilität Raum schaffen

Wohnen und Design 1971:

Wohnungsnot und Wohnraummangel bereiten in der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor Probleme. Die Bonner Regierung sagt dieser Entwicklung jetzt mit der verstärkten Förderung des Wohnungsbaus den Kampf an. Die Möbelindustrie hat in dem Problem eine Marktlücke entdeckt. Sie kommt mit Neuheiten auf den Markt, die die optimale Ausnutzung des verfügbaren Wohnraums versprechen.

Der Wohnungsbau in der Bundesrepublik befindet sich 1971 nach der Flaute der vergangenen Jahre wieder im Aufwärtstrend: 554 987 Wohnungen werden fertiggestellt 247 473 Baugenehmigungen erteilt. Gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 16,1 bzw. 10,3%. Eine positive Tendenz, doch für den Bedarf noch immer nicht ausreichend. Das hat auch die Bundesregierung erkannt. Sie will dem Wohnungsbau nach eigener Aussage zukünftig Priorität im innenpolitischen Bereich einräumen. Nach Angaben des Wohnungsbauministeriums sollen bis 1976 jährlich etwa 500 000 Wohnungen fertiggestellt werden.

Speziell der soziale Wohnungsbau gerät durch die sozialliberale Koalition, die seit 1969 regiert, in Bewegung. 1971 werden hier 195 024 Baugenehmigungen erteilt, gegenüber 1970 eine Steigerung um 18,1%. Auch kommen mehr Bundesbürger in den Genuss einer Sozialwohnung. Durch das Wohnungsbauänderungsgesetz vom 11. November dieses Jahres wird die Einkommensfreigrenze für den Bezug von staatlich gefördertem Wohnraum von 750 DM auf 1000 DM heraufgesetzt.

Initiativen zeigen sich nicht nur im Baugewerbe, sondern auch bei der Möbelindustrie. Flexibel und funktional – unter diesem Motto stehen die Entwürfe, die 1971 erscheinen und sofort Einzug in die bundesdeutschen Wohnungen halten. Feste Wohnräume werden aufgelöst und damit eine bessere Raumausnutzung ermöglicht. Besonders gut kommen Betten an, die tagsüber zu »verstecken« sind. Dazu zählen Schrank- und Regalbetten sowie Schlafcouches. Was nachts als Schlafzimmer dient, wird tagsüber zum Wohnraum.

Immer mehr Bundesbürger, vor allem die jüngere Generation, bevorzugen »flexible« Möbel: Gruppen oder Elemente, die sich individuell auf- und umstellen lassen. Wohnlandschaften, auch als »mobile Sitzgruppen« bezeichnet, stehen hier an erster Stelle. Gefragt sind aber auch Kombinationsschränke oder Steck- und Baukastenmöbel. Hier spricht die Möbelindustrie gleich von »Möbel-Städten«. Regelrechte Kuriositäten sind Verwandlungssessel, sog. Knautschis und Schaumstoffsessel zum Knoten.

Wer die Abwechslung liebt, erhält 1971 durch »Mietmöbel« die Gelegenheit, Einrichtungsgegenstände des Öfteren zu wechseln: Eine bundesdeutsche Firma vermietet Möbel auf Leasing-Basis.

Durchgesetzt haben sich in der Bundesrepublik inzwischen die Kunststoffmöbel. Nachdem in den letzten Jahren nur einzelne Stühle oder Tische angeboten wurden, bringen die Hersteller jetzt ganze Möbel- und Sitzgruppen heraus. Durch das beliebig formbare Material verändert sich das Design: Die Formen werden runder und fließender. Auch haben die Möbel neue, unkonventionelle Farben.