Ansturm auf die Hochschule erzwingt Zulassungsreform

Bildung 1972:

Das Bemühen um eine Demokratisierung des Zugangs zu höherer Bildung zeigt im Jahr 1972 in der Bundesrepublik Deutschland die ersten Früchte: Die Zahl der Kinder von Nichtakademikern, die sich eine höhere Bildung erwerben, wächst spürbar an. Im Wintersemester 1971/72 waren 78% aller Studienanfänger Kinder von Nichtakademikern, vier Jahre zuvor waren es erst 70,6%.

Die Bildungseinrichtungen in der Bundesrepublik verzeichnen 1972 neue Rekordzahlen: 9,57 Mio. Kinder werden im Schuljahr 1972/73 an den allgemeinbildenden Schulen unterrichtet; 2,00 Mio. Schüler besuchen berufsbildende Schulen, und 536 000 Studenten sind im Wintersemester 1972/73 an den Universitäten, Kunsthochschulen und den neuen Gesamthochschulen immatrikuliert.

Besonders begehrt sind Studienplätze in den Bereichen Medizin einschließlich Veterinärmedizin und in den Geisteswissenschaften, die jeweils doppelt so viele Studenten zählen wie zehn Jahre zuvor. Zugleich bleiben die Studenten länger an den Hochschulen als früher: Die mittlere Verweildauer ist zwischen 1970 und 1972 an den Universitäten von 5,7 auf 6,3 Jahre gestiegen. Besonders eilig haben es die Tiermediziner, die im Durchschnitt schon nach fünf Jahren fertig werden während Allgemeinmediziner 6,7 Jahre an der Hochschule verweilen.

Gegenüber 1968 haben sich die Bildungsausgaben in der Bundesrepublik mehr als verdoppelt (38,9 Mrd. gegenüber 19,07 Mrd. DM); sie verbrauchen 4,7% des Bundeshaushalts. Einen Anteil von 60,2% des Bildungsetats verschlingt der Schulbereich, stärker gefördert wurde allerdings der Ausbau der Hochschulen (9,1 Mrd. DM statt 4,4 Mrd. DM im Jahr 1968).

Am 7. Juli vereinbaren die Kultusminister der Bundesländer eine Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe, um das Lehrangebot auszuweiten, individueller zu gestalten und stärker an den Erfordernissen eines späteren Studiums auszurichten. Herzstück der Reform ist die Ersetzung der Oberstufen-Klassen 11 bis 13 durch ein System von Grund- und Leistungskursen und die Aufhebung der Einteilung in neu- und altsprachliche sowie mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasialtypen.

Lebhafte Auseinandersetzungen lösen die hessischen Rahmenrichtlinien für die Fächer Deutsch und Gesellschaftslehre aus. An die Stelle des reinen Wissenserwerbs treten als Lernziele die Förderung der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit und die Befähigung zur Selbst- und Mitbestimmung.