Die »Gastarbeiter« beklagen Arroganz

Arbeit und Soziales 1972:

In der Bundesrepublik Deutschland leben und arbeiten immer mehr ausländische Arbeitnehmer. 1972 erreicht die Zahl der sog. Gastarbeiter mit 2 285 000 einen Anteil von fast 9% aller Arbeitnehmer. Der Zuzug, neuerdings vor allem aus der Türkei, hält unvermindert an.

Eine 1972 unter ausländischen Arbeitern durchgeführte Umfrage, die bisher umfassendste Untersuchung dieser Art, ergibt detaillierte Informationen über Ansichten und Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter. Noch immer sind ihre Einkünfte niedriger als die ihrer bundesdeutschen Kollegen. 1971 hatten die Ausländer ein durchschnittliches Netto-Einkommen von 870 DM monatlich. Das sind 98 DM weniger, als bundesdeutsche Arbeitnehmer kassierten. Nur 38% der Gastarbeiter haben eine eigene Wohnung, ebenso viele leben in Gemeinschaftsunterkünften, und 21% wohnen zur Untermiete. 40% sind mit ihrer Wohnsituation nicht zufrieden. Tatsächlich müssen viele von ihnen in Behausungen leben, die selbst geringsten Hygiene- und Komfortansprüchen nicht genügen. Trotzdem beurteilen die meisten Gastarbeiter, die wegen Arbeitslosigkeit und niedriger Löhne ihre Heimatländer verlassen haben, ihre Lebenssituation nicht negativ. Die Arroganz der Bundesbürger macht ihnen mehr zu schaffen als hohe Mieten.