Herausforderung aus Japan

Auto und Verkehr 1972:

Japans Autoproduzenten setzen im Jahr 1972 zum großen Sprung zur Eroberung der Märkte in den USA und Europa an. Während die USA auf die Herausforderung vor allem mit neuen Handelsschranken reagieren, setzen die europäischen Autobauer auf neue Modelle mit erhöhter Motorleistung.

Schon im Jahr 1971 hatten Japans Autohersteller mit 3,72 Mio. Einheiten erstmals mehr Personenwagen gebaut als die westdeutschen Autokonzerne. In Japan beherrschen fünf größere Unternehmen den Markt: Toyota (Produktionsanteil: 39%), Nissan (34%), Toyo Kogyo (8,6%), Mitsubishi (8,3%) und Honda (5,3%). Nach einem zwischen der Autoindustrie und der japanischen Regierung abgestimmten Plan haben die Japaner ihre Fahrzeugproduktion zwischen 1953 und 1971 von 50 000 auf 5,8 Mio. Last- und Personenwagen pro Jahr gesteigert, im Jahr 1972 sollen es insgesamt 6,5 Mio. Fahrzeuge werden. Die fernöstlichen Personenwagen sind durchweg mit weniger aufwendiger Technik bestückt als die Konkurrenz, muten oft etwas altmodisch an und verfügen meist noch über die herkömmliche Starrachse. Zu den wenigen technisch fortschrittlichen Modellen der japanischen Autobauer zählt der Mazda R 100, der als einziges Großserienfahrzeug der Welt mit einem Wankel-Kreiskolbenmotor ausgestattet ist.

Dafür haben die Japaner andere Vorteile: Sie sind oft billiger als vergleichbare deutsche Autos und bieten viele »Extras« bereits serienmäßig an.

Zunächst operieren die Japaner bei ihrem Vorstoß nach Europa vorsichtig: Marktführer Toyota will 1972 in der Bundesrepublik gerade 8000 Fahrzeuge absetzen. Zugleich werden rd. 400 neue Toyota- und Nissan-Verkaufsstellen in der Bundesrepublik eröffnet, um dem eigentlichen Ziel, einem Marktanteil von 5%, einen Schritt näher zu kommen.

Was geschieht, wenn die Japaner voll in die Offensive gehen, das können die deutschen Autobauer im europäischen Ausland und in den Vereinigten Staaten studieren: In kleineren europäischen Ländern ohne eigene Autoproduktion wie Portugal und der Schweiz verfügen die Japaner bereits über einen Marktanteil von 11%, in den USA haben sich die japanischen Kleinwagen innerhalb von nur sieben Jahren aus bescheidenen Anfängen zu einem ernsthaften Konkurrenten für VW entwickelt. Die »japanische Herausforderung«, das zielgerichtete Handeln von Japans Wirtschaft und Handelspolitik zur Gewinnung neuer Märkte, macht Europas Automobilbauer zunehmend nachdenklicher. VW-Chef Rudolf Leiding erklärt: »Ich habe die Autos gefahren – die sind nicht schlecht.«

Auf eine besondere »europäische Linie« setzt Opel mit den neuen »Rekord«-Modellen: Große Fensterflächen und der Verzicht auf überflüssiges Blech kennzeichnen die neuen Mittelklassewagen, die mit drei Motoren mit 66 und 83 PS (bei 1,7 l Hubraum) sowie 97 PS (bei 1,9 l) in zwei- und viertüriger Version sowie als Coupé und Caravan angeboten werden.

Der von Opel inzwischen auf den zweiten Platz der Verkaufsrangliste verwiesene VW-Konzern setzt besondere Hoffnungen in den Audi 80, das erste Modell einer sog. Baukastenserie, bei der die wesentlichen Konstruktionsmerkmale gleich sind und daher kostengünstig für verschiedene Typen verwendet werden können.

Während bei den Kleinwagen der Renault 5 (956 ccm Hubraum, 43 PS, 135 km/h Spitzengeschwindigkeit) für Furore sorgt, liefern sich bei den »Boliden«, d.h. bei den Wagen der oberen Preisklasse, Mercedes-Benz und BMW einen Zweikampf um die Gunst der Kunden: Die »S«-Klasse von Mercedes mit starker Motorleistung beantwortet BMW mit dem »Leichtbaucoupé« 3.0 CSL (Dreiliter-Sechszylinder-Motor, 200 PS).

Auf die immer lauter werdenden Appelle zum Benzinsparen reagieren die deutschen Autohersteller – mit Ausnahme von BMW – mit einem größeren Angebot an dieselgetriebenen Modellen.