Höhenflug von Ulrike Meyfarth – Literaturnobelpreis für Heinrich Böll

Politik und Gesellschaft 1972:

36 Jahre nach der NS-Propagandashow von 1936 gibt es wieder Olympische Spiele auf deutschem Boden. Zu den großen Stars von München zählen drei junge Sportlerinnen: die sowjetische Turnerin Olga Korbut und die australische Schwimmerin Shane Gould, die je drei Goldmedaillen einheimsen; für eine besondere Sensation sorgt jedoch, nicht nur aus deutscher Sicht, die erst 16-jährige Ulrike Meyfarth mit ihrem Fosbury-Flop über 192 cm – Goldmedaille im Hochsprung.

In andere Höhen steigen am 7. Dezember drei US-Astronauten empor, die mit Apollo 17 zur letzten Expedition des Mondflugprogramms der USA starten. Während die Weltraumforschung der US-Amerikaner auf die Entwicklung eines Raketenflugzeugs (Spaceshuttle) setzt, wachsen in der Öffentlichkeit die Zweifel am umgehemmten technisch-industriell-ökonomischen Vorwärtsstreben, das durch die zunehmende Umweltverschmutzung und absehbare Energieknappheit infrage gestellt scheint. 1862 Tote im verlustreichsten Jahr der zivilen Luftfahrt machen überdies deutlich, dass der Glaube an die Lösbarkeit aller technischen Probleme überholt ist.

Eine »Befragung der Realität« mit künstlerischen Mitteln ist das Motto der documenta 5, der international wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die über 200 000 Besucher nach Kassel lockt. Noch größere Aufmerksamkeit gilt einem Schriftsteller, bei dem die Auseinandersetzung mit der Realität gleichfalls im Zentrum des Schaffens steht: Heinrich Böll wird als erster deutscher Nachkriegsautor mit dem Nobelpreis geehrt.