Immer mehr »Bettenburgen«

Urlaub und Freizeit 1972:

Der Drang in die Ferne ist bei den urlaubenden Deutschen nach wie vor ungebrochen. Immer mehr Touristen zieht es ins Ausland. Allerdings erwartet den zahlenden Gast am Urlaubsort nicht selten ein Betonsilo als Unterkunft.

Bei der Frage nach den Reisezielen ist die Nation geteilt: Etwa die Hälfte bleibt im Inland, wobei die Berge Bayerns, die gemütlichen Dörfer Baden-Württembergs und die Strände Schleswig-Holsteins die meisten Touristen anziehen. Der Rest fährt ins Ausland, davon ein Drittel nach Österreich, knapp ein Viertel nach Italien und jeder nach Spanien. Nur ein kleiner Teil wagt sich in außereuropäische Länder. Mehr als die Hälfte benutzt das Auto, bei den übrigen läuft das Flugzeug als Reisemittel der Bahn den Rang ab.

Im Schnitt nimmt nur jeder vierte Bundesbürger mehrmals im Jahr Urlaub, einige Gruppen – Alte, Einkommensschwache und Familien mit mehreren Kindern – bleiben häufig ganz zu Hause.

Viele Autofahrer sind in der Wahl des Urlaubsdomizils unabhängig: Sie haben ihren Wohnwagen dabei. Im Vergleich zum Ausland allerdings ist die Zahl der Autofahrer mit einer rollenden Unterkunft noch gering: In der Bundesrepublik kommen auf 1000 Pkw erst 16 Wohnwagen, in Großbritannien und den Niederlanden sind es dagegen bereits 50.

Ob an der deutschen Ostseeküste oder an der französischen Côte d’Azur, der Gast stößt immer öfter auf graue Betonsilos und riesige Erholungskombinate anstelle stiller Buchten und verträumter Fischerdörfer.

Vor allem an der Ostsee entsteht ein Ferienpark nach dem anderen. Weil das Bauland billig ist, die Gemeinden in Erwartung höherer Steuereinnahmen Geld zuschießen und auch der Staat – im Rahmen der Zonenrandförderung – den Subventionssäckel öffnet und Geldanlegern saftige Steuervorteile bietet, entstehen zwischen Flensburg und Travemünde u.a. die Feriensiedlungen:

  • Ferienpark Sierksdorf (bei Neustadt) für rund 200 Mio. DM
  • Ferienpark Heiligenhafen mit 6000 Betten für etwa 110 Mio. DM
  • Ferienzentrum Holm (bei Kiel) für rund 74 Mio. DM und
  • »Damp 2000« bei Schleswig mit 7000 Betten für rund 200 Mio. DM.

Für die Gemeinden und die örtlichen Betriebe sind diese Betonburgen allerdings nicht zwangsläufig ein Segen: Mehr Urlauber bedeuten mehr Umweltprobleme und mehr Investitionen in den Kurbetrieb; wer im Ferienpark wohnt, verpflegt sich selbst und geht seltener ins Restaurant.

Für viele Urlauber allerdings erschöpft sich die »kostbarste Zeit des Jahres« (in der Bundesrepublik zwischen 27 und 37 Tagen, in Großbritannien hingegen nur 18 bis 25 Tage und in Irland 24) ohnehin aufs Faulenzen und unterscheidet sich damit nur wenig von der Freizeit zu Hause.

Statistischen Untersuchungen zufolge sind 70% aller Bundesbürger mit dem ihnen zustehenden Maß an freier Zeit zufrieden. Am stärksten leiden verheiratete Frauen und gehobene Angestellte unter zu wenig Freizeit. Die im Durchschnitt zur Verfügung stehenden vier Stunden pro Werktag werden – so ergibt eine im Mai 1972 in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Untersuchung – vor allem zum Ausspannen und Fernsehen benutzt. Sowohl am Werktag wie auch am Samstag steht an erster Stelle der Medienkontakt (vor allem TV), an zweiter Stelle folgt die übrige innerhäusliche Freizeitverbringung und erst an dritter Stelle die außer Haus verbrachte Freizeit. Am Sonntag ist hingegen die Zeit für den Ausflug, wobei eine »Fahrt ins Blaue« der deutschen Mentalität weniger zu entsprechen scheint als ein Ausflug zum vorher festgelegten Zielort. Dabei sehnt sich fast die Hälfte nach Ruhe und Erholung – vor allem stress und lärmgeplagte Großstädter –, während die Bewohner kleiner Gemeinden und die Gruppe der 18- bis 24-jährigen dorthin fahren, wo »etwas los ist«.