Laute Zweifel am Wolkenkratzerbau

Architektur 1972:

Zwischen profitorientierter Gigantomanie, Resignation über die Zubetonierung der Städte und dem Scheitern von Gegenmodellen präsentiert sich die Architekturszene des Jahres 1972.

Die immer größeren Dimensionen der Wolkenkratzer-Architektur in den letzten Jahrzehnten führt zur Selbstreflexion. Auf der »Ersten internationalen Wolkenkratzer-Konferenz« in New York diskutieren 570 Architekten, Soziologen und Ingenieure über die Folgen des anhaltenden Hochhausbooms. Berichte über Stresszustände und gesundheitliche Schäden bei Hochhausbewohnern machen die negativen Auswirkungen einer immer höheren und immer anonymeren Bauweise deutlich.

Trotz der wachsenden »Unwirtlichkeit der Städte« werden weiter gigantomanische Projekte verfolgt. In Paris etwa haben über 60 neuerrichtete Hochhäuser (u.a. Bürohochhaus »Maine-Montparnasse«, Bürostadt »La Défense«, Wohnhochhäuser »Front de Seine«) das Stadtbild zum Teil radikal verändert; weitere Wolkenkratzerprojekte sind geplant. In Moskau wird unter Chefarchitekt Michail Possochin eine »Super-City« konzipiert, in Berlin-Wilmersdorf plant der Bauunternehmer Heinz Mosch die Überbauung einer dort vorgesehenen Stadtautobahn.

Wenig Attraktivität strahlen aber auch die unter dem Stichwort »Neue Städte« (»New Towns«, »Villes Nouvelles«) bisher verwirklichten städtebaulichen Neuansätze z.B. in Großbritannien und Frankreich aus. Das vermeintlich autogerechte Cumbernauld (bei Glasgow) erweist sich als ödes Areal mit langen Wegen, die »Ville Nouvelle« von Le Vaudreuil (Normandie) macht kaum einen besseren Eindruck.

Zu den herausragenden Einzelprojekten zählt beispielsweise das Münchener Olympia-Zeltdach von Günter Behnisch u.a., das Olivetti-Gebäude von Egon Eiermann und die Universität Lethbridge im kanadischen Alberta (Arthur Erickson Architects Inc.).