Lebenshaltung immer teurer

Arbeit und Soziales 1972:

Entgegen düsteren Prognosen kommt es 1972 in den westlichen Industrieländern nicht zu der im Zusammenhang mit der Flaute des Vorjahrs befürchteten Rezession. Von der günstigeren Wirtschaftsentwicklung profitieren auch die Arbeitnehmer, deren kräftige Lohnzuwächse allerdings teilweise von der Inflation aufgezehrt werden.

In der Bundesrepublik Deutschland werden die Löhne um durchschnittlich 9% erhöht. Real steigen sie allerdings wegen der Inflation nur um 3,5%. Bei einer Inflationsrate von 5,5% klettert der Index der Lebenshaltungskosten für einen Vier-Personen-Haushalt mit mittlerem Einkommen auf 110,7 (1970=100). Die Preise z.B. für Lebensmittel schnellen teilweise um zweistellige Prozentzahlen nach oben. So kostet Rindfleisch 13,7% mehr als im Vorjahr, Kartoffeln kosten gar 16,7% mehr.

Während die bundesdeutschen Lohnabhängigen sich mit einem relativ bescheidenen Reallohnzuwachs begnügen müssen, ist die Situation für Kollegen in anderen westlichen Industrieländern trotz teilweise noch höheren Inflationsraten (Großbritannien: 7,1%, Niederlande: 8,0%, Frankreich: 6,2%, Italien: 5,7%) günstiger. Die Belgier verbuchen einen realen Zuwachs um 7,6%, die Briten erhalten real 5,9%, die Franzosen immerhin noch 5,4% mehr.

Der bundesdeutsche Arbeitsmark verzeichnet zu Beginn des Jahres 1972 die höchste Arbeitslosigkeit (375 564) seit dem Krisenjahr 1967 (459 489). Im Laufe des Jahres stabilisiert sich die Lage jedoch wieder. Mit einer Arbeitslosenquote von 1,1% (246 000 Arbeitslose im Jahresdurchschnitt) steht die Bundesrepublik im internationalen Vergleich gut da (USA: 5,7%). In Großbritannien klettert die Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit einem nationalen Bergarbeiterstreik (<!– –>9.1.<!– –>) auf Rekordhöhe (über 1,5 Mio.).

Ein neues Phänomen ist der durch die zunehmende Zahl der Leiharbeiter entstandene »zweite Arbeitsmarkt«. 1972 gibt es in der Bundesrepublik bereits über 1000 Firmen (1970: 614), die etwa 250 000 Leiharbeiter vermitteln. Ein im Juni verabschiedetes Gesetz soll die Rechtslage der Leiharbeiter verbessern. Künftig soll das Überlassen von Arbeitnehmern an andere Unternehmen erlaubnispflichtig und von der ordnungsgemäßen Entrichtung der Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer abhängig gemacht werden. Mit dem im September verabschiedeten Rentenreformgesetz (<!– –>21.9.<!– –>), das die flexible Altersgrenze einführt und die Mindestrenten anhebt, wird die Lage der Rentner weiter verbessert.

Angesichts des unvermindert anhaltenden Wohnungsbedarfs wird der Bauboom vor allem vom Wohnungsbau getragen. Trotz der Preisexplosion in der Baubranche (rd. 7%) rechnet der Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen, Lauritz Lauritzen (SPD), im Januar 1972 mit der Fertigstellung von 600 000 neuen Wohnungen bis Jahresende. Im Vorjahr waren 525 000 Wohnungen fertiggestellt worden, 1970 478050. Beim Wohnungsbau deutet sich eine Trendwende hin zu kleineren Anlagen an. Zunehmend geraten die seit den 60er Jahren aus Kostengründen favorisierten Großwohnsiedlungen – u.a. Märkisches Viertel in Berlin (West), Steilshoop in Hamburg – in Verruf. In den anonymen Siedlungen herrscht oft ein schlechtes soziales Klima, Vandalismus und Kriminalität treten gehäuft auf. So fordert der neue »Rationalisierungskatalog« des Bundeswohnungsministeriums eine Auswertung der bisherigen Erfahrungen mit rationalisierter Bauweise. Diese müsse keineswegs bedeuten, dass unter Verzicht auf Qualität billig gebaut werde. Künftig müsse der »Wohnwert« berücksichtigt werden. Kleinere Wohnanlagen und gesunde Baustoffe (z.B. Ziegel) sind richtungweisend.

Wie die Preise steigen auch die Mieten weiter an. Der Mietpreisindex (1960=100) liegt im Jahr 1972 für Altbauwohnungen bei 197,7 (1971: 187,1), für Neubauwohnungen bei 174,8 (1971: 165,4).