Straße begrenzt belastbar

Verkehr 1972:

In der Bundesrepublik Deutschland ebenso wie in anderen Industrieländern wächst die Erkenntnis, dass der Zuwachs des Individualverkehrs ein Maß erreicht hat, das die Suche nach Alternativen immer dringlicher werden lässt

Seit 1945 hatte der Ausbau der Straßen stets Vorrang vor einer Erweiterung des Schienennetzes. Der Individualverkehr hat seine – in Personenkilometern gemessenen – Leistungen von 1950 bis 1972 verfünfzehnfacht, während die Leistungen der Bundesbahn im gleichen Zeitraum lediglich um 25% gestiegen sind. In Konsequenz dieser Entwicklung hat der Individualverkehr im Jahr 1972 bereits einen Anteil von 80,2% an den Personenverkehrsleistungen erreicht. Der Pkw-Bestand ist zwischen 1954 und 1972 in der Bundesrepublik auf mehr als das Elffache gestiegen. Zugleich hat sich die Eigentümerstruktur geändert: 1954 waren 78% aller Pkw in der Hand von Unternehmern und Selbstständigen, heute fahren Arbeiter, Angestellte und Beamte 70,7% der zugelassenen Pkw. Die Pkw-Dichte hat sich von 1950 bis 1972 von 28 auf 260 Pkw je 1000 Einwohner erhöht.

Die Zahl der Toten im Straßenverkehr ist von 1955 bis 1972 um etwa 50% gestiegen. 1972 verlieren 18 793 Personen ihr Leben, und weitere 165 711 werden schwer verletzt. Dieser Anstieg ist allein auf das rapide Anschwellen des Individualverkehrs zurückzuführen. Das Autofahren an sich ist während dieser Zeit zunehmend sicherer geworden. Mit neuen Methoden (z.B. Abstandsmessung auf Autobahnen aus dem fahrenden Auto) ist die Polizei Temposündern auf der Spur.

Im Luftverkehr sterben in der Bundesrepublik 1972 insgesamt 153 Personen. Hier gibt es – vor allem international – eine steigende Tendenz. Der rapide Anstieg der Verluste in der Zivilluftfahrt ist sowohl eine Folge von Überlastungen der Luftverkehrswege als auch das Ergebnis eines unzureichenden technischen Standards bei vielen Fluglinien. Immer höher wird das Risiko von Entführungen.

Zur Lösung der Verkehrsprobleme werden vor allem zwei Wege eingeschlagen: Mehr Straßen und die Entwicklung von Alternativen zum Auto. Um die Landstraßen zu entlasten, setzt man in der Bundesrepublik verstärkt auf den Autobahnbau. Damit die Autofahrer umsteigen, erprobt man vielerorts neue, schnellere Verkehrsmittel: In Paris (Réseau Express Régional) und in San Francisco neue U-Bahnen für den Anschluss der Region an die Metropole, in der Bundesrepublik eine Magnetschwebebahn (Transrapid) und sog. Park-and-Ride-Plätze für den Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Personennahverkehr. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe haben allerdings schon gegenwärtig immer mehr Probleme mit Schwarzfahrern, die das Fahren zum Nulltarif vorziehen.