Streit um chemische Zusätze

Ernährung, Essen und Trinken 1972:

Streitigkeiten um die Reinheit von Wurst, Fleisch und Wein prägen das Jahr ebenso wie kontroverse Diskussionen um zahlreiche »Schlankmacher« auf dem bundesdeutschen Markt.

Immer kritischer wird nach gesundheitsschädlichen Zusätzen in Nahrungsmitteln gefragt. Antibiotika in Fleisch- und Wurstwaren, hoher Schwefelgehalt in Wein und Sekt lassen die Verbraucher misstrauischer werden. Einzelne Hersteller wie das schleswig-holsteinische Unternehmen Redlefsen preisen ein – so die Firmenangaben – »naturreines« Sortiment an. Nach Mitteilung des Fleisch- und Wurstfabrikanten, der zu den bedeutendsten der bundesdeutschen Branche zählt, müssen sich dessen Lieferanten verpflichten, die Tiere weder mit Antibiotika noch mit wachstumsfördernden Medikamenten zu behandeln. Das Sortiment wird unter dem Markennamen »Reinschmecker« angeboten. Allerdings geht der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie gerichtlich gegen eine entsprechende Werbekampagne vor und lässt die »Gesundheitsreklame« als »irreführend« und »unlauter« untersagen.

Auch beim Wein, dessen Konsum seit Jahren hohe Zuwächse verzeichnet, sorgen chemische Zusätze für Unruhe. Während das neue deutsche Weinrecht von 1971 den Winzern weiterhin großzügige Obergrenzen zugesteht, plant die EG u.a. eine Einschränkung der Zugabe von schwefligen Säuren. Das deutsche Weingesetz erlaubt pro Liter 300-400 mg schweflige Säure; die EG-Kommission will gegen den heftigen Protest der Winzer eine Obergrenze von lediglich 200-300 mg festlegen.

Im Zuge der Schlankheitswelle kommen immer mehr Lebensmittel auf den Markt, die angeblich beim Schlankwerden helfen sollen. Suppen wie »Zupavitin«, Kekse wie »Limmits«, aber auch kalorienreduzierte Getränke sollen beim Abnehmen helfen. Das angestrebte Ziel soll bei Suppen und Keksen – Hauptschlager der »Mager-Woge« (»Der Spiegel«) – mit Hilfe von Quell- und Füllstoffen erzielt werden, die aus den Früchten des Johannisbrotbaums bzw. aus der indischen Guar-Bohne gewonnen werden. Führende Ernährungswissenschaftler warnen vor Risiken, denn die langfristigen Auswirkungen der Stoffe seien nicht hinreichend erforscht.

Zu einem gastronomischen Renner in der Bundesrepublik werden die sog. Steakhäuser. Trendsetter ist die »Churrasco«-Kette mit Restaurants u.a. in Hamburg, Berlin und München.