Vielfalt der Stile sorgt für Originalität in der Baukunst

Vielfalt der Stile sorgt für Originalität in der Baukunst
Sydney Opera House, Opernhaus im australischen Sydney © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1973:

Außergewöhnliche Entwürfe bestimmen die Baukunst zu Beginn der 70er Jahre. Die Architekten wenden sich von den uniformen Stilmitteln ab und schaffen das originelle, unverwechselbare Bauwerk. Eine einheitliche Bewegung gibt es nicht mehr.

Sydney Opera House, Opernhaus im australischen Sydney © Foto Josef Höckner, München

Sydney Opera House, Opernhaus im australischen Sydney © Foto Josef Höckner, München

Symbol für diese Entwicklungen ist das Opernhaus im australischen Sydney, das von dem Dänen Jörn Utzon entworfen wurde. Mit seinem Dach aus »Schalen«, die sich wie weiße Segel über der Wasserfläche des Hafens von Sydney erheben, ist das Opernhaus der herausragende Vertreter des plastischen Stils, der die »Irrationalität der freien Formen« anstrebt.

Nach den Worten Utzons war es seine »Idee, mit der Plattform wie mit einem Messer primäre und sekundäre Funktionen vollständig zu trennen. Über der Plattform empfangen die Zuschauer das fertige Kunstwerk, und unter der Plattform finden alle Vorbereitungen statt«. Das Gebäude besteht dementsprechend aus zwei Teilen. Ein rational eingeteilter, in mehreren Geschossen horizontal geschichteter Unterbau nimmt alle Vorbereitungs- und Nebenräume, aber auch das Schauspieltheater auf. Darüber erhebt sich die Folge der bis zu 60 m hoch aufragenden Schalen aus vorgefertigten Betonsegmenten. In zwei gleichgerichteten Reihen überdecken sie den großen Konzertsaal, das Operntheater und die beiden Foyers. Die Formen der Räume im Innern entsprechen nicht den Konturen der Schalen. Diese sind vielmehr als irrationale Wahrzeichen aufgerichtet, die über die funktionellen Erfordernisse eines Großtheaters hinaus auch das Bedürfnis nach Emotion und einer zweckfreien Symbolik in der Architektur bezeugen.

Den Übergriff der Baukunst in den Bereich der Plastik durch das Spiel freier Oberflächen kennzeichnet die Architektur Hans Scharouns. Mit seinem Entwurf für das Stadttheater in Wolfsburg schafft der Berliner Architekt ein Gebäude, bei dem der Zweck im Innern organisch die äußere Form bestimmt. Scharoun dazu: »Ich baue von innen nach außen.« Aus den akustischen und technischen Erfordernissen des Theaterinnenraums folgt somit die eigenwillige Faltung des Dachs und der Seitenwände des Gebäudes.

BMW-Hochhaus in München. © Foto Josef Höckner, München

BMW-Hochhaus in München. © Foto Josef Höckner, München

Auch bei der Architektur von Verwaltungsbauten setzt sich die Erkenntnis durch, dass die angestrebte Zweckmäßigkeit keineswegs mit formaler Armut erkauft werden muss Mit seinem BMW-Hochhaus in München löst sich Architekt Karl Schwanzer völlig vom rechten Winkel. Um einen zentralen, an vier Seiten geöffneten Schaft (mit Aufzügen, Treppenhäusern und Versorgungsschächten), der viermal halbkreisförmig ausgebuchtet ist, ordnet er vier Dreiviertelkreise an, die fließend ineinander übergehen. Die Konzeption des Grundrisses zielt darauf, Gruppenbildung und Gruppenverhalten in einer Verwaltung zu fördern. Der Grundriss lässt die funktionale Zusammenfassung eines ganzen Geschosses zu, schafft aber auch die Einheit des Gruppenraums im Dreiviertelkreis.

Die in sich abgeschlossene plastische Großform des Hochhauses steht kompositorisch in Beziehung zur ganz anderen Rundform des BMW-Museums und zur breit gelagerten Masse der sich unter dem Turm hinziehenden flachen Bauten. Diese räumlich sinnfällig verknüpfte Zuordnung von vierfach aufragendem Rund und geöffneter Schale ergibt einen städtebaulichen Komplex, der einen Kontrapunkt zu den benachbarten olympischen Anlagen setzt.

BMW-Hochhaus in München. © Foto Josef Höckner, München

BMW-Hochhaus in München. © Foto Josef Höckner, München

Der Grundriss des Hochhauses besitzt darüber hinaus allegorischen Charakter: Mit dem »Vierzylinder« setzt der Architekt Karl Schwanzer den Bayerischen Motorenwerken in München ein symbolträchtiges Wahrzeichen.

Zum neuen Symbol wirtschaftlicher Macht wird der Sears Tower in Chicago, der die Zentralverwaltung von Sears, Roebuck & Comp. (des größten Waren- und Versandhauses der Welt) aufnimmt. Das Architektenbüro Skidmore, Owings & Merrill errichtet einen »Wolkenkratzer«, der in vier Geschossen unter und 109 Etagen über dem Platzniveau 410 000 m2 Flächen für 16 500 Arbeitsplätze bietet. Mit 443 m ist der Sears Tower in Chicago das bislang höchste Gebäude der Welt.

Die Gestalt des Turmes mit der Zurückstaffelung ganzer Geschossblöcke entspricht dem Bedarf an größeren und kleineren Büroflächen. Sie veranschaulicht das Konstruktionsprinzip: Der Turm ist als »Rohrbündel« gebaut, d.h. aus neun Einzeltürmen von je 22,80 m Seitenlänge, die in verschiedenen Höhen (49., 67., 90. und 109. Geschoss) enden.