Schwieriger Start für neuen Kanzler Schmidt: Fast eine Million Arbeitslose

Schwieriger Start für neuen Kanzler Schmidt: Fast eine Million Arbeitslose
Brandt und Schmidt auf dem SPD-Parteitag 1973. Bundesarchiv, B 145 Bild-F039404-0012 / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1974:

Für die Bevölkerung soll sich politisch zunächst nicht viel ändern: Der neue Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) betont die Fortsetzung der sozialliberalen Koalitionspolitik unter den Leitlinien »Kontinuität und Konzentration auf das Wesentliche«. In seiner ersten Regierungserklärung bilanziert er: »Unsere wirtschaftliche Lage ist gut. Unser Volk lebt in sozialer Sicherheit und in Freiheit. Der innere und der äußere Friede sind gefestigt. Unser Land hat Ansehen und Freunde in der Welt.«

Dieser positiven Einschätzung stehen jedoch nachhaltige Auswirkungen des »Ölschocks« aus dem Jahre 1973 gegenüber. Eine neuerliche Preiserhöhung für Erdöl im Januar dieses Jahres hat wiederum Produktionsrückgänge und Massenentlassungen in nahezu allen Industriezweigen zur Folge. Bis zum Jahresende steigt die Zahl der Arbeitslosen im gesamten Bundesgebiet auf 945 000 .

Die neue Erfahrung, dass weder Leistung noch Bildungsstand vor dem Verlust des Arbeitsplatzes schützen, führt in der Bevölkerung zu tiefer Verunsicherung. Die negative Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt lasten viele Bundesbürger einer gesellschaftlichen »Randgruppe« an: Die ausländischen Arbeitnehmer, zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs unverzichtbar, sehen sich als »Konkurrenten« einer zunehmend feindlichen Stimmung ausgesetzt, obwohl ihre Zahl seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973 bereits um 11,9 % auf rund 2,2 Mio. gesunken ist.