Besinnung auf alte und innere Werte im Jahr der Frau

Politik und Gesellschaft 1975:

Die Vereinten Nationen haben 1975 zum Jahr der Frau proklamiert. Es soll vor allem die Lage der Frauen in der Dritten Welt in den Blickpunkt rücken. In der Bundesrepublik Deutschland entspricht das Jahr der Frau jedoch auch einer Zeitströmung. Beflügelt durch die Diskussion um den Abtreibungsparagrafen 218 (dessen Neuregelung, die Fristenlösung, vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am 25. Februar zurückgewiesen wird) hat sich eine Frauenbewegung etabliert, der es um die Veränderung der gesellschaftlichen Frauenrolle geht. Sie beschäftigt sich zwar auch mit politischen Fragen, für viele Frauen steht aber zunächst die eigene Person im Vordergrund: Die vielen Selbsterfahrungsgruppen und bekenntnishaften autobiografischen Schriften belegen diese Entwicklung.

Hier trifft sich die Frauenbewegung mit anderen gesellschaftlichen Strömungen: Nach der Wiederaufbaustimmung der 50er und der Technikbegeisterung der 60er Jahre besinnen sich viele Menschen nun verstärkt auf innere Werte, auf Tradition und Geschichte. In der Literatur ist ein Trend zu Autobiografischem zu beobachten; Dialekte und Volkslieder finden zunehmende Beachtung; Architektur und Städtebau bemühen sich, historische Bauten und Strukturen zu bewahren – 1975 ist auch das Jahr des Denkmalschutzes – und Neubauten dem gewachsenen Gesicht der Städte anzupassen. Schließlich rückt auch der Umweltschutz ins Bewusstsein der Menschen. In diesem Bereich zeigen immer mehr Bundesbürger die Bereitschaft, selbst aktiv zu werden. Sie schließen sich zu Bürgerinitiativen zusammen, um gemeinsam ihre Interessen gegen industrielle Großprojekte, wie etwa Atomkraftwerke, durchzusetzen und ihr Lebensumfeld vor möglicherweise schwerwiegenden Eingriffen zu bewahren.