Konflikt um Gesamtschule

Bildung 1976:

Das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer Krise. Die Reformeuphorie der vergangenen Jahre hat besorgten Fragen Platz gemacht, wie die Leistungsfähigkeit von Schulen und Universitäten unter veränderten Rahmenbedingungen erhalten werden kann. Konservative Kreise beklagen vor allem, dass die von der sozialliberalen Koalition betriebene Öffnung der höheren Bildungseinrichtungen zu einem Ansturm geführt habe, unter dessen Wucht Gymnasien und Universitäten einen allgemeinen Niveauverlust erleiden. Im Rahmen dieser übergeordneten Kontroverse bildet 1976 neben dem Streit um Zulassungsbeschränkungen und das neue Hochschulrahmengesetz die Diskussion über Vor- und Nachteile der Gesamtschule einen Schwerpunkt in der bildungspolitischen Auseinandersetzung.

Das Konzept der Gesamtschule wurde in den 60er Jahren entwickelt. Durch die organisatorische und räumliche Zusammenlegung der drei herkömmlichen Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium sollte das deutsche Schulsystem durchlässiger gemacht werden. Ein zentrales Anliegen war dabei, die Bildungsbarrieren für Kinder unterer Schichten zu beseitigen.

Eine Vorreiterrolle haben die sozialdemokratisch regierten Bundesländer Hessen und Nordrhein-Westfalen, in denen sich mit 88 integrierten Gesamtschulen über die Hälfte aller Lehreinrichtungen dieses Typs der Bundesrepublik befinden. Etwa 160 000 bundesdeutsche Kinder und Jugendliche besuchen eine Gesamtschule. Das sind rund 3% aller Schüler in der Bundesrepublik. Nach der vierjährigen Grundschule werden die Schüler eines Jahrgangs in den Klassen 5 bis 10 gemeinsam unterrichtet. Die Klassenstufen sind dabei in Kurse geteilt, die nach der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Schüler gegliedert sind. Erst nach der 10. Klasse fällt dann die Entscheidung, ob der Schüler das Abitur anstrebt. Nach den Plänen der Bundesregierung soll aufgrund von Untersuchungen bis 1980 entschieden werden, ob das Netz der Gesamtschulen ausgebaut oder wieder reduziert werden soll. Die Kritiker der Gesamtschule gehen nunmehr in die Offensive. Sie wenden sich gegen »sozialistische Gleichmacherei« und behaupten einen Niveauverlust im Vergleich zu herkömmlichen Schulen. Die Ergebnisse der wissenschaftlich fundierten Untersuchung zur Gesamtschule, die 1976 von einer Konstanzer Forschungsgruppe veröffentlich wird, zeigt jedoch ein anderes Bild: Das Leistungsniveau an Gesamtschulen ist keineswegs niedriger. Eine Umfrage unter hessischen Eltern und Schülern ergibt, dass 50% der Eltern und 54% der Schüler mit der Gesamtschule zufrieden sind und diesen Schultyp als ein Modell für die Schule der Zukunft betrachten.

Klagen gibt es jedoch über die häufig unübersichtlichen, kalt und abweisend wirkenden Gebäudekomplexe wie auch über den Massenbetrieb. Einige Gesamtschulen haben über 2000 Schüler, was zu oft chaotischen Zuständen führt.

Der gewaltige Anstieg der Abiturientenzahlen – ein durchaus gewolltes Ergebnis der Anfang der 70er Jahre begonnenen Bildungsreform – führt an den Universitäten zu großen Problemen. 1970 machten 87 000 Schüler das Abitur, 1975 erwarben 171 700 Schüler eine Studienberechtigung. Einige Fachbereiche sind dem Ansturm längst nicht mehr gewachsen. Für die besonders überlaufenen Fächer, u.a. Medizin, Zahnmedizin, Psychologie, wurden darum Zulassungsbeschränkungen erlassen.

Kontroversen löst auch das am 26. Januar in Kraft getretene Hochschulrahmengesetz aus, das zur Steigerung der Effektivität des Universitätsbetriebs beitragen soll. Es sieht u.a. eine Regelstudienzeit von acht Semestern für die meisten Fächer vor. In allen entscheidungsbefugten Gremien wird den Professoren die Stimmenmehrheit eingeräumt. Große Teile der Studentenschaft lehnen die Richtlinien des Hochschulrahmengesetzes als Einschränkung studentischer Freiheiten ab.