Anzeigen mit Pfiff und Witz

Werbung 1977:

Der im letzten Jahr in der Bundesrepublik Deutschland verzeichnete Aufwärtstrend der Konjunktur setzt sich 1977 entgegen den Erwartungen der Bundesregierung und der Wirtschaftsforschungsinstitute nicht fort. Viele Unternehmen müssen stagnierende Absatzzahlen hinnehmen. Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Werbewirtschaft aus, da die Werbeetats der Unternehmen niedriger als erhofft ausfallen.

In einem Wirtschaftszweig tobt allerdings eine regelrechte Werbeschlacht. Die großen Bausparkassen buhlen mit Anzeigen und Fernsehspots derart um die Gunst der potenziellen Kundschaft, dass im Mai 1977 die kleineren Unternehmen der Branche öffentlich ein Übereinkommen über Wettbewerbsregeln fordern. Sollte dies nicht zustande kommen, wollen sie der »Werbeeskalation« mit »rechtlichen und werblichen Mitteln« entgegentreten.

Ausgelöst wurde die Werbeschlacht von der Bausparkasse Wüstenrot. Das Unternehmen, das über einen Vertragsbestand von rund 90 Mrd. DM verfügt, war in den letzten Jahren unbestrittener Branchenführer. 1976 musste Wüstenrot jedoch Einbußen hinnehmen und sackte bei den Neuabschlüssen hinter das Beamtenheimstättenwerk und die Bausparkasse Schwäbisch Hall auf den dritten Platz ab.

Gemeinsam mit der Agentur Young & Rubicam entwickelte Wüstenrot daraufhin eine Kampagne, die zu den originellsten und erfolgreichsten der letzten Jahre zählt. So wird in Anzeigen und auf Plakatwänden unter der Überschrift »Gib Gas, Gustav« ein Trecker gezeigt, der mit durchdrehenden Reifen zur Bausparkasse fährt. Für das Motiv »Jetzt aber los, Ludwig« ließen die Werbefachleute ein Goggomobil mit einer verstärkten Hinterachse ausrüsten und über einen Sprunghügel fahren.

Aber auch altbekannte Werbemethoden wie die Verkaufsförderung durch Prominente haben Erfolg. 1977 finden eine Vielzahl von Veranstaltungen statt, auf denen Schlagerstars, Sportler, Schauspieler und Showgrößen Produkte anpreisen. Besonders erfolgreich sind Auftritte und Autogrammstunden zur Eröffnung von Warenhäusern oder Einführung von neuen Produkten in Supermärkten. Dabei die Marketing-Strategen besonders darauf, ob ein Prominenter zu dem beworbenen Produkt passt In wissenschaftlichen Tests wurde festgestellt, dass z.B. der Schauspieler Willy Millowitsch als Werbeträger für Bier besonders glaubwürdig wirkt. Sportler wie Uwe Seeler dagegen eignen sich – so die Werbepsychologen – eher für Fruchtjoghurt.