Eine Million ohne Arbeit

Arbeit und Soziales 1977:

Die wirtschaftliche Erholung, die im Vorjahr in der Bundesrepublik Deutschland das Ende der durch die Ölkrise von 1973 ausgelösten Rezession markierte, fällt schwächer aus als erwartet. Die Wachstumsrate von 2,5% reicht nicht aus, um die Arbeitslosigkeit spürbar zu senken. Im Jahresdurchschnitt sind 1977 in der Bundesrepublik 1,03 Mio. Menschen ohne Arbeit. Besonders große Probleme haben Arbeitslose ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die von den Arbeitsämtern kaum noch vermittelt werden können. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbslosen beträgt rund 50%. Die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und älteren Menschen nimmt weiter zu: Rund 6% der Erwerbslosen sind Berufsanfänger, 12% älter als 55 Jahre. Frauen, deren Anteil an der Erwerbslosigkeit rund ein Drittel beträgt, sind in der Arbeitslosenstatistik mit 50% überproportional vertreten. Die Dauer der Arbeitslosigkeit ist gegenüber früheren Jahren deutlich angestiegen. Während im Rezessionsjahr 1967 ein Arbeitsloser im Durchschnitt nach etwa 7,5 Wochen vermittelt werden konnte, dauert es 1977 mit 15 Wochen bereits doppelt so lange.

Ein Absinken der Arbeitslosenzahlen ist vorläufig nicht zu erwarten. Die Unternehmen verhalten sich wegen der geringen Nachfrage abwartend und nehmen Neueinstellungen nur in einem geringen Maße vor. Hinzu kommt, dass neue Fertigungsmethoden zunehmend Arbeitskräfte ersetzen. Die Bundesregierung versucht, der Arbeitslosigkeit durch Umschulungs- und Weiterbildungsprogramme sowie durch eine Flexibilisierung der Altersgrenze zu begegnen. Beschäftigungsprogramme, wie sie u.a. von den Gewerkschaften gefordert werden, lehnt Bonn jedoch ab.

Eine wachsende Zahl von Deutschen stören sich angesichts der hohen Arbeitslosigkeit an der Anwesenheit ausländischer Arbeitskräfte. Ihr Anteil an den insgesamt rund 27 Mio. Arbeitnehmern in der Bundesrepublik beträgt 1977 rund 8%. Rechtsextreme, im neonazistischen Milieu angesiedelte Gruppierungen argumentieren, die Arbeitslosigkeit könne durch Ausweisung der »Gastarbeiter« beseitigt werden. Die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft auf ausländische Arbeitskräfte nicht verzichten kann, wird von vielen Deutschen nicht mehr wahrgenommen.

Unabhängig von der hohen Arbeitslosigkeit steigen dank der Preisstabilität die Verbrauchsausgaben der Privathaushalte um rund 7%. Gefragt sind vor allem Autos, Reisen, Möbel und Geräte der Unterhaltungselektronik. Dabei wird die Entscheidung vieler Deutscher, Geld für ein hochwertiges Produkt auszugeben, durch das niedrige Zinsniveau der Banken erleichtert: Kredite sind ganz allgemein zu wesentlich günstigeren Konditionen als im Vorjahr erhältlich.

Anlass zur Sorge gibt die gespannte Finanzlage der Rentenversicherung. Um die Kosten zu senken, verschiebt die Bundesregierung die geplante Anpassung der Renten um ein halbes Jahr und kürzt die Zuschüsse für die Krankenversicherung. Dadurch wird die Rentenversicherung um rund 60 Mrd. DM entlastet (<!– –>18.1.<!– –>).

Eine Verschärfung zeichnet sich auf dem bundesdeutschen Wohnungsmarkt ab. Immer mehr alleinstehende Menschen wollen einen Haushalt gründen, so dass – vor allem in den Ballungszentren – der vorhandene Wohnraum nicht mehr ausreicht. Der Anteil der Einpersonenhaushalte an den verfügbaren Wohnungen beträgt 1977 bereits 28,9%. Im Jahre 1961 hatte er noch bei 24,2%, 1975 bei 27,6% gelegen. Diese Entwicklung ist nach Ansicht von Soziologen vor allem darauf zurückzuführen, dass die Ehe zunehmend an Bedeutung verliert. Bereits seit mehreren Jahren steigt die Scheidungsrate gegenüber den Eheschließungen überproportional an. Auch wenn es zu neuen Partnerschaften kommt, ziehen viele das getrennte Wohnen vor: Immer mehr Menschen leben als sog. Singles.