Fertiggerichte für Gestresste

Ernährung, Essen und Trinken 1977:

Viele Bundesdeutsche nehmen sich für die Küche und das Essen immer weniger Zeit. Vor allem an den Werktagen heißt in Familien, in denen Mann und Frau berufstätig sind, bei den Mahlzeiten die Devise »schnell und unkompliziert«. Die Lebensmittelindustrie bestärkt diesen Trend mit einem immer breiter gefächerten Angebot von Fertiggerichten, die z.T. in Minutenschnelle ohne größeren Aufwand auf den Tisch gebracht werden können. Die durch Beruf und Familie gestresste Hausfrau – oder der Hausmann – kann mittlerweile ganze Menüs aus der Tiefkühltruhe kaufen und im Backofen zubereiten. Die Lebensmittelfirmen werben mit immer kürzeren Kochzeiten und der Verbesserung des Geschmacks von Fertiggerichten, die kaum noch einen Unterschied zu frisch zubereiteten Gerichten aufweisen sollen. Für die schnelle Zwischenmahlzeit werden Suppengerichte angeboten, die nach nur wenigen Minuten Garzeit gleich aus der Verpackung gelöffelt werden können.

Insgesamt bietet die Ernährung der meisten Deutschen sowohl für Ärzte und Ernährungswissenschaftler als auch für Gourmets, die das Kochen als eine Kunst verstehen, nach wie vor viel Anlass zur Kritik. Die meisten Deutschen, deren Essgewohnheiten nicht zuletzt durch die »Fresswelle« der 50er und 60er Jahre geprägt wurden, ernähren sich zu einseitig und zu fett. Ernährungsbedingte Krankheiten, insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bereiten den Ärzten unvermindert große Sorgen. Dringende Appelle, den von fettem Fleisch, Kartoffeln und schweren Soßen dominierten Speisezettel zu variieren, finden nach Erkenntnissen ernährungswissenschaftlicher Institute erst allmählich bereiteres Gehör. Frisches Obst und Gemüse sind auf dem Speiseplan der bundesdeutschen Durchschnittsfamilie nach wie vor nur in geringen Mengen vertreten. Eine Folge dieser starren Ernährungsgewohnheiten ist, dass fast ein Viertel aller bundesdeutschen Kinder übergewichtig bzw. fehlernährt ist, was nach Expertenansicht bei vielen über kurz oder lang zu körperlichen und auch psychischen Leiden führen wird. Neben systematischer »Überfütterung« mit fett- und kohlehydratreicher Kost sind der übermäßige Konsum von Süßigkeiten, Limonade, Coca-Cola und der Verzehr von Pommes frites und den immer beliebteren »Hamburgern« Hauptfaktoren für jugendliche Gewichtsprobleme. Auf diese Weise nehmen rund 20% der bundesdeutschen Kinder täglich bis zur doppelten Menge der Kalorien zu sich, die sie benötigen. Nach Angaben von Bundesgesundheitsministerin Antje Huber (SPD) befinden sich derzeit in der Bundesrepublik bereits drei Millionen Kinder wegen Fettleibigkeit in Behandlung.

Professionelle Feinschmecker beklagen, dass es in den Küchen der Bundesdeutschen immer noch zu einfallslos zugehe. Außer Haus lassen sich die Bundesbürger zwar z.B. in portugiesischen, chinesischen oder indonesischen Restaurants zunehmend auf exotische Geschmacksrichtungen ein – nicht zuletzt eine Folge des seit Jahren beständig wachsenden Ferntourismus, der auch für den Gaumen der Deutschen eine »Horizonterweiterung« bedeutet. In der eigenen Küche sind sie jedoch weiterhin wenig experimentierfreudig. Exotische Gemüse und Gewürze, ungewohnte Zubereitungsarten sind noch die Ausnahme. Allerdings versuchen Frauenzeitschriften und neu erschienene Kochbücher, den Hausfrauen raffinierte Küche schmackhaft zu machen. Größere Sorgfalt wird auf die Zubereitung frischer Salate verwendet, deren Bedeutung für eine gesunde Ernährung immer wieder betont wird. Hier sollen vor allem verschiedene Saucen-Kreationen für Abwechslung sorgen. Viele gestresste Büroarbeiter entdecken, dass als Mahlzeit für den kleinen Hunger ein Salat mit Joghurtsoße allemal gesünder und verträglicher ist als Süßigkeiten oder ein fettes und zerkochtes Essen aus der Kantine oder dem nächsten Schnellimbiss