Holz, Rattan und Exklusives

Wohnen und Design 1977:

Im Möbeldesign ist 1977 ein Trend zu naturbelassenen Materialien zu beobachten. Während es den Produkten deutscher Hersteller, die sich an skandinavischen Vorbildern orientieren, vielfach an Originalität mangelt, bemühen sich italienische Designer, durch fantasievolle an der Postmoderne orientierte Entwürfe ihren exklusiven Ruf zu festigen. Die italienische Möbelindustrie allerdings, deren Entwürfe seit Jahrzehnten von Möbelfirmen in aller Welt kopiert werden, steckt in einer Krise. Angesichts der schwierigen Lage der Weltwirtschaft und der hohen Kosten für Löhne und Rohmaterialien wird es immer schwerer, Möbel auf dem Markt abzusetzen. Die italienischen Hersteller sind daher bemüht, noch stärker als bisher hohe Qualität zu liefern.

Auffällig ist die starke Zunahme kleiner Möbelwerkstätten, die mit wenigen Beschäftigten auskommen. Häufig haben diese Betriebe weniger als 50 Mitarbeiter. Durch die größere Flexibilität und den hohen Grad an Spezialisierung sind die kleinen Hersteller in der Lage, schneller auf Trends zu reagieren und stilistische Neuerungen einzuführen.

Zu den innovativsten kleinen Unternehmen zählt das neu gegründete »Studio Alchimia«. Die Mitglieder und freien Mitarbeiter – u.a. Andrea Brandi, Alessandro Mendini, Michele de Lucchi, Paola Navone, Daniela Puppa, Franco Raggi und Ettore Sottsass – nehmen neben dem Design auch Produktion und Vertrieb ihrer Möbel in die Hand. Die als Einzelstücke oder in kleinen Serien realisierten Entwürfe zeichnen sich durch eine Gestaltung aus, die Elemente der »hohen« mit der »populären« Kultur verbinden soll. Dazu gehören stilistische Wiederbelebungen aus den 50er Jahren ebenso wie Kitsch und ein bewusstes Spiel mit dem sog. schlechten Geschmack. So taucht auf einem futuristisch anmutenden, mit Zacken und Ausbuchtungen versehenen Kleiderschrank ein im Stil der 50er Jahre gestalteter Tigerkopf auf.

Neue Wege gehen in Italien auch Unternehmer anderer Branchen. Der Haushaltsgerätehersteller Zanussi etwa versucht die übermächtige Konkurrenz aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Fernost durch eine interessante Farbgebung zu übertrumpfen. Küchen- und Waschmaschinen, die bislang fast ausschließlich in Weiß oder – eher selten – in Braun angeboten wurden, sind nun auch in zarten Pastelltönen erhältlich. Die bei konventioneller Gestaltung für das Auge eher langweiligen Produkte sollen dadurch – so einer der Chefdesigner von Zanussi – wie »vertraute kleine Haustiere« wirken.

Ein Trend, bei dem italienische Designer wie z.B. Tobio Scarpa Vorreiter sind, ist die Wiederentdeckung des Werkstoffes Holz. Großes Aufsehen erregt Scarpa mit seinen aus Holz gefertigten Stühlen, deren schlichte Form in Kombination mit der feinen Maserung des dunklen Holzes ungewöhnlich elegant wirken.

Auch in der Bundesrepublik erfreuen sich Möbel aus weitgehend naturbelassenem Holz steigender Beliebtheit. Sie ersetzen in immer mehr Wohnzimmern die Anfang der 70er Jahre üblichen kunststoffüberzogenen Möbel. Allerdings orientieren sich die in Deutschland erfolgreichen Hersteller vor allem am skandinavischen Design und fertigen Möbel aus hellen Hölzern wie Kiefer oder Fichte.

Der Trend zum »naturverbundenen Wohnen« zeigt sich auch deutlich an dem zunehmenden Interesse an Rattanmöbeln. Die aus Rotangpalmen hergestellten Stücke wirken leicht und bringen auch in enge Neubauwohnungen einen Hauch von Exotik. Rattan und Korb sind auch in Badezimmern immer häufiger zu sehen. Bei den Küchenmöbeln lösen warme Holzfronten die in den letzten Jahren üblichen, häufig steril wirkenden Kunststoffoberflächen ab.

Eine regelrechte Renaissance erfahren Bauernmöbel. Bunt bemalte Bauernschränke, derbes Steingutgeschirr und Essecken aus massivem Holz sorgen für eine Atmosphäre rustikaler Gemütlichkeit.