Leicht getrübte Reiselust

Urlaub und Freizeit 1977:

»Urlaubsland Italien – Entführung, Erpressung, Straßenraub«: Unter dieser Schlagzeile berichtet »Der Spiegel« in seiner Ausgabe vom 25. Juli 1977 über eines der beliebtesten Reiseziele der Bundesbürger. Das Nachrichtenmagazin zeichnet in seiner Titelstory ein Bild von Italien, das von Kriminalität und Nepp geprägt ist. So sei die Zahl der Autodiebstähle in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Vor allem deutsche Autos ständen bei den Dieben hoch in Kurs. Handtaschendiebstähle, manipulierte Hotelrechnungen und Raubüberfälle seien an der Tagesordnung, das Essen häufig schlecht und überteuert.

Sowohl in der Bundesrepublik als auch in Italien löst der Bericht Diskussionen aus. Der Beliebtheit Italiens schadet dies jedoch kaum. Auch 1977 zählte das Land hinter Österreich und Spanien zu den bevorzugten Reisezielen der Deutschen. Allerdings sind die Gäste mit ihrem Urlaub offensichtlich nicht mehr ganz so zufrieden wie noch vor wenigen Jahren: Die Frage eines Meinungsforschungsinstitutes, ob die Unterbringung und das Essen am Urlaubsort zufriedenstellend waren, verneinen 23% der befragten Italien-Touristen. Damit erreicht Italien einen schlechteren Wert als z.B. Spanien (22%), Österreich (19%) oder die skandinavischen Länder (5%). Reiseziel Nummer eins der Deutschen ist auch weiterhin die Bundesrepublik selbst. Die Zahl der Übernachtungen nimmt seit Jahren stetig zu. Im Sommerhalbjahr 1977 verzeichnen die deutschen Hotels und Pensionen mehr als 163 Mio. Übernachtungen (1967: 161 Mio.; 1975: 159 Mio.). Erfreulich ist die wachsende Zahl von Ausländern, die in Deutschland ihren Urlaub verbringen. Das deutsche Gastgewerbe kann zufrieden sein: Der Gesamtumsatz ist gegenüber 1970 um rund 47% gestiegen.

Besonders hoch in Kurs stehen die Seebäder. Spitzenreiter ist Westerland mit 1,44 Mio. Übernachtungen, dicht gefolgt von Cuxhaven, Grömitz, St. Peter Ording und Norderney. Aber auch die deutschen Luftkurorte und Heilbäder melden zunehmende Besucherzahlen. Oberstdorf in Bayern registriert im Sommerhalbjahr 1977 rund 1,29 Mio., Baierbronn 1,22 Mio., Bad Kissingen 1,07 Mio. und Bad Füssing 1,05 Mio. Übernachtungen.

Die Mehrzahl der Urlauber bevorzugt dabei Hotels und Pensionen. Jeder sechste Urlauber in der Bundesrepublik wählt jedoch bereits ein Ferienhaus oder Apartment als Domizil. Besonders Familien mit Kindern nutzen den Vorteil einer Ferienwohnung, die mehr Platz als ein Hotelzimmer bietet.

Zunehmend in das Kreuzfeuer der Kritik gerät der Wintersport. Die deutschen Alpen – an den Wochenenden Ziel Tausender Ausflügler aus dem Großraum München – sind von Zersiedelung bedroht, da immer mehr Straßen, Pisten, Hotels und Skilifte für die wachsende Zahl der Touristen gebaut werden. Immer mehr seltene Tier- und Pflanzenarten sind durch die Zerstörung ihres Lebensraumes bedroht. Auch in den italienischen, österreichischen und schweizerischen Alpen treten die Folgen des ungebremsten Massentourismus immer deutlicher zutage.

Besonders augenfällig ist die Landschaftszerstörung in den französischen Alpen. Um neue Wintersportzentren zu schaffen, werden hier mit Billigung der Regierung Wälder gerodet und Felsen gesprengt. Bis 1980 – so der Plan – sollen in Hotelneubauten 500 000 Touristen Platz finden.