Neo-Romantik und Punk

Mode 1977:

Die Mode bietet neben streng durchgestylten Indien-, Mongolen- und Robin-Hood-Verwandlungen eine Reihe romantischer Zigeunerinnen- und Edelbäuerinnen-Looks. Wadenlange, weitschwingende Röcke, unter denen weiße unterröcke mit Lochstickerei hervorblitzen, finden sich nunmehr der folkloristischen bis sportlichen Konfektionsmode. Auch die Punk-Mode beginnt sich durchzusetzen.

Wer diese liebliche Linie nicht vertritt, schwört auf Hosen. Diese gibt es in vielen Fassons, vom klassischen Herrenbeinkleid bis zu indischen Jodhpurs oder türkischen Pluderhosen. Dazu gesellen sich romantische Spitzen- oder Volantblusen. Darüber passen Schößchenjacken, Spenzer oder Boleros mit Schalkragen oder besonders schmalem, hochgestelltem Revers. Fast alle Hosen werden mit hochhackigen Schuhen getragen. Nur als reine Sportmode sind Parkas, Lumberjacke oder tiefgegürtete Karojacken erlaubt.

Die Haute Couture hat ihren angestammten Platz als erlesenster Ideengeber zurückerobert. Die hohe Schneiderkunst ist unter den Reichen der Reichsten gefragter denn je: »14 000 Francs (8792 DM) für eine goldbestickte Jacke, ausgelegt mit schwarzem Fuchs, es gibt viele Frauen, die das gerne bezahlen«, meint Jean-Louis Scherrer. Und das ist noch lange nicht das Teuerste. Für eine »kleine Stickerei« von Yves Saint Laurent muss die Kundin mindestens 55 000 Francs (34 540 DM) ausgeben. Marc Bohan, künstlerischer Leiter des Hauses Dior, stellt seine Frühjahrsmode unter das Thema lieblicher Colette-Kleider mit Kragen und Schleifen. Für kühlere Tage setzt er auf großkarierte Kostüme. Das Haus Lanvin dagegen macht die Frauen zu Robin Hoods mit kurzem, kostbar besticktem Bolero, weiter Kniehose, verfremdet durch einen Dschingis-Khan-Hut. Alle Couturiers setzen auf große Capes oder Umschlagtücher mit Fransen, auf Berbermäntel mit Riesenkapuzen oder auf Ponchos. Die Abendmode ist von Scarlett O’Haras duftigen Krinolinenkleidern mit Spitzen und Volants beeinflusst Als Alternative dazu wird vampartig Enges unter dem Motto »Emanze liebt schwarze Seide und Satin« angeboten. Es sind wadenlange Kleider, deren Verführung im tiefen Dekolleté und hohem Seitenschlitz liegt.

Unter dem Zeichen totaler Abkehr von bombastischer Folklore stehen die Pariser Prêt-à-porter-Kollektionen des Herbstes. Yves Saint Laurent findet seine Inspirationen in der Herrenmode: Baseballjacken, große, ballonförmige Blousons, Hemden mit kleinem Stehkragen und hochgeschnittene Hosen mit breiten Schärpen.

Kenzo brennt ein Feuerwerk an Ideen ab und zeigt, wie viel man aus einem Indien-Look machen kann. Rajah-Jacken und Mäntel über Hosen, farbigem Kummerbund und Nehru-Kappen zeigen sich neben riesigen Herrenhemden oder Sackkleidern über pludrigen Krempelhosen. Dazu wirken schwarze Augenklappen und quer über die Brust gehängte Perlketten sehr befremdend.

Die britische Punk-Mode und der »Brutal-Look« erregen in allen Städten der Welt großes Aufsehen. Die No-Future-Generation der Londoner Hinterhöfe beeinflusst mit ihren schwarzen zerfetzten Lederjacken und engen Jeans auch die allgemeine Mode. Einzig und allein das Durchstechen von Wangen und Ohren mit Sicherheitsnadeln, die derben Ketten, die schwarzen Lippen und die teuflisch ummalten Augen werden kaum nachgeahmt. Claude Montana ist einer der großen Modedesigner, der Punk-Ideen umsetzt. Über seine martialisch vorgeführte Lederkollektion berichtet Peter Bäldie aus Paris: »Mit Punk-Make-up, klirrenden Ketten über der Schulter, die ledernen Schirmmützen tief in der Stirn, stapften bedrohliche Gestalten in glänzendem schwarzem, dunkel- und hellfarbigem Leder über den Laufsteg und zeigten zu Röcken, Shorts und ballonförmigen Hosen wuchtige Blousons und Jacken, teils ärmellos, teils befranst.«