Streit um Numerus clausus

Bildung 1977:

In der ersten Hälfte der 70er Jahre herrschte in der Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland eine ausgesprochene Reformeuphorie. Durch die Überwindung sozialer Schranken und die Öffnung auch der höheren Bildungseinrichtungen für alle Schichten sowie den großzügigen Ausbau des Bildungssystems sollte die in den 60er Jahren beschworene »Bildungskatastrophe« (Georg Picht), die für eine auf Export und wissenschaftlich-technischen Fortschritt ausgerichtete Volkswirtschaft verheerende Folgen gehabt hätte, verhindert werden. Die Zahl der Abiturienten und Hochschüler stieg daraufhin deutlich an; der Anteil von Arbeiterkindern bei den Studenten nahm zu.

1977 ist diese Reformbegeisterung in der Bundesrepublik weitgehend verflogen angesichts der Frage, wie das Bildungssystem finanziert und der Ansturm der geburtenstarken Jahrgänge insbesondere von den Universitäten bewältigt werden kann. Konservative Kritiker warnen vor einem Niveauverlust an höheren Schulen und Universitäten.

Beherrschendes Thema ist 1977 der Numerus clausus. Angesichts rapide steigender Abiturientenzahlen hatten die Bundesländer bereits Anfang der 70er Jahre Zulassungsbeschränkungen erlassen. Seit 1970 hat sich die Zahl der Hochschüler in der Bundesrepublik und Berlin (West) von rund 410 000 auf über 906 000 erhöht. Im Wintersemester 1976/77 bestand für 43 Fächer ein Numerus clausus (NC). Die Zahl der NC-Fächer, die dem Verteilungsverfahren der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund unterliegen, soll im Wintersemester 1977/78 zunächst auf 23, ein Semester darauf auf zehn sogenannte harte NC-Fächer, u.a. Humanmedizin, Zahnmedizin, Pharmazie, Psychologie und Biologie, gesenkt werden. Es hat sich nämlich inzwischen herausgestellt, dass durch bessere Kapazitätsausnutzung in zahlreichen Fächern, vor allem in den Geistes- und Ingenieurwissenschaften, ausreichend Studienplätze zur Verfügung gestellt werden können.

Dramatisch ist allerdings die Situation im Fach Medizin. Kamen 1970 auf 100 Medizin-Studienplätze rund 400 Bewerber, sind es 1977 über 670. Die Zulassungskriterien sind ein Abiturnotendurchschnitt von mindestens 1,6 oder fünf Jahre Wartezeit. Das Kriterium Abiturnote soll nun jedoch, da es über die Eignung eines Bewerbers für den Arzt-Beruf nur begrenzt Auskunft gibt, durch einen Test ergänzt werden. Im Februar 1977 trägt das Bundesverfassungsgericht in einem Grundsatzurteil den Ländern auf, die Vergabe der Studienplätze nach Abiturnoten und Wartezeit durch ein differenziertes Auswahlverfahren, in dem insbesondere die Chancengleichheit stärker gewahrt wird, zu ersetzen.

Um Sinn und Zweck, Ausgestaltung und Gewichtung dieses Tests als weitere Methode zur Leistungsbewertung neben dem Notendurchschnitt gibt es unter Wissenschaftlern und Politikern allerdings heftige Auseinandersetzungen. Erst im März 1979 einigen sich die zuständigen Minister der Bundesländer nach Sichtung zahlreicher Gutachten darauf, einen differenzierten Test in das Zulassungsverfahren für Medizin einzubeziehen. Dem Test müssen sich bundesdeutsche Abiturienten erstmals im Frühjahr 1980 bundesweit unterziehen.

Ein heftiger Streit wird in sozialdemokratisch regierten Bundesländern 1977 um die sog. Kooperative Gesamtschule geführt. Vor allem in Nordrhein-Westfalen wehren sich konservative Eltern- und Lehrerverbände heftig gegen Pläne des Kultusministeriums, zwischen einzelnen Gymnasien, Real- und Hauptschulen eine stärkere Zusammenarbeit – bis zur räumlichen Zusammenlegung – im Sinne des Gesamtschul-Konzepts zu erreichen. Eines der wichtigsten Argumente der »Ko-op-Schulen«-Gegner ist ein möglicher Niveauverlust. Das Konzept der »Ko-op-Schule« wird 1978 durch ein Volksbegehren in Nordrhein-Westfalen dann auch zu Fall gebracht.