Zwei Seiten der Atomphysik

Wissenschaft und Technik 1977:

Bedeutende Fortschritte verzeichnet die Atomphysik: Ein neues Elementarteilchen und das elementare elektrische Ladungsquant werden entdeckt, und in den USA wird die sogenannte Neutronenbombe entwickelt. Die durchaus beachtlichen Erfolge im Bereich der Daten- und Kommunikationstechnik präsentieren sich eher in Einzelprojekten. Auch die Alternativenergieforschung wartet mit Neuigkeiten auf. Energiebezogen sind ebenfalls zwei große Errungenschaften im Verkehrswesen: Der Stapellauf von Flüssiggas-Supertankern und die Einweihung der Alaska-Pipeline.

Eine weltweite erregte Diskussion löst die Entwicklung der »Neutronenbombe« in den USA aus. Der neue Sprengkopf für Mittelstreckenraketen besteht aus einer sehr kleinen Wasserstoffbombe (Prinzip Kernfusion), die von einer Plutonium-Atombombe (Prinzip Kernspaltung) gezündet wird. Sie erzeugt nur wenig Hitze und eine schwache Druckwelle und setzt den größten Teil ihrer Energie als harte Neutronenstrahlung frei. Diese Strahlung vernichtet Leben in jeder Form, zerstört dagegen Gebäude und andere technische Einrichtungen kaum.

Doch die Atomphysiker sammeln auch friedliche wissenschaftliche Erkenntnisse: Am Hamburger Speicherring DORIS entdecken sie das bisher unbekannte Y-Teilchen, ein schweres Meson, das zur theoretischen Einführung eines fünften Quarks als Grundbaustein der Materie zwingt und sich als Quark-Antiquark-Paar auffassen lässt An der Stanford-Universität in Palo Alto (US-Bundesstaat Kalifornien) finden die Wissenschaftler W.M. Fairbank und G.S. LaRue heraus, dass das kleinste elektrische Ladungsquantum nicht der Elektronenladung, sondern nur einem Drittel davon entspricht.

Die Datenverarbeitung, -übertragung und -speicherung erzielt herausragende Einzelerfolge: In Großbetrieben der USA und Europas setzen sich in Fertigungsbetrieben mehr und mehr Industrieroboter, d.h. computergesteuerte Fertigungsmaschinen durch. In den USA arbeiten bereits mehr als 30 000, in der Bundesrepublik Deutschland über 5000 und in Schweden rund 2000 derartige Anlagen. Zwischen Artesia und Long Beach in Kalifornien wird die öffentliche Telefonleitung über ein 9 km langes Glasfaserkabel in Betrieb genommen. Am 10. März geht der indonesische Fernmeldesatellit »Palapa 2« in seine geostationäre Position in den Orbit. Er soll dazu beitragen, die mehr als 3000 bewohnten und über Tausende von Kilometern verstreuten Inseln des pazifischen Staats kommunikativ miteinander zu verbinden. Neuartige Datenerfassung und -auswertung im klinischen Bereich liefert die Computertomographie, mit der das Körperinnere durch Röntgenstrahlen in zahlreichen einzelnen Schichten abzutasten ist. Der Aufnahme von Filmbildern schließlich eröffnet die US-amerikanische Firma Polaroid mit der Einführung ihres Sofortbildcine-Systems »Polavision« auf Super-8-Material neue Wege.

Die Suche nach alternativen Energiequellen bringt den Bau eines ersten Sonnenkraftwerks in New Mexico nach dem Solar-Tower-Konzept mit sich. Bei diesem Prinzip lenken zahlreiche bündelnde Spiegel das Sonnenlicht auf einen Dampferzeugerkessel am oberen Ende eines Turms (<!– 25.1.1977–>). Darüber hinaus glückt am US-amerikanischen Lawrence Livermore Laboratory erstmals eine durch Laserstrahlen ausgelöste Kernfusion an der 1973 dafür gebauten Großanlage.

Dem wachsenden »Energiehunger« der Industriestaaten dienen unmittelbar zwei neue Transportmittel: Am <!– 20. Juni 1977–> wird die unterirdisch verlegte 1280 km lange Alaska-Pipeline von der arktischen Prudehoe Bay durch Anda bis in die USA eingeweiht, und in Kiel wird mit dem Bau der beiden ersten Flüssiggas-Tankschiffe begonnen. Jedes dieser international als LNG-Carrier (Liquid Natural Gas) bekannten Schiffe hat eine Tankkapazität von 125 000 m3 verflüssigten Erdgases.