»Altmodische« Hochhäuser

Architektur 1978:

Bestimmende Akzente in der Baukunst setzen 1978 einmal mehr US-amerikanische Architekten. Dabei finden insbesondere zwei diametral entgegengesetze Auffassungen internationale Aufmerksamkeit. Zum einen kann von einer Renaissance der Wolkenkratzer gesprochen werden, auf der anderen Seite propagieren Einzelgänger eine radikale Abkehr von Schachtelarchitektur, geometrischer Perfektion und Fertighaus-Ästhetik. Sie entwerfen höchst eigenwillige Wohngebäude mit vielen Winkeln, Ecken, Rundungen – dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Bevorzugt werden naturwüchsige Materialien wie Holz und Stein, die den Gebäuden dieser »Anti-« oder »wilden Architektur« oft ein archaisch-höhlenhaftes Aussehen verleihen, wie etwa der bei San Diego (US-Bundesstaat Kalifornien) entstandenen Wohnlandschaft von James Hubbel. Einer der angesehensten US-Architekten, Philip Johnson, sieht in diesem Trend den »erstaunlichsten architektonischen Wandel der fünfzig Jahre«. Johnson selbst hat das annähernd 200 m hohe AT&T-Gebäude an der New Yorker Madison Avenue ganz »altmodisch« in Sockel, Stamm und Hauskrone gegliedert. Vor allem der postmodern gestaltete Dachaufbau hat es vielen Architekturkollegen und Kritikern angetan. Mit welcher Virtuosität Johnson die Tradition der Wolkenkratzer zu erneuern vermag, zeigt auch sein vor kurzem fertiggestelltes »Pennzoil Placa« in Houston/Texas, ein Komplex mehrerer verschachtelter Trapezoiden aus dunklem Spiegelglas, der bis zu 36 Stockwerke hoch ist.

In zahlreichen US-Innenstädten entstehen ganze Wolkenkratzer-Komplexe, die sich durch zumeist glatte Fassadengestaltung und sehr aufwendige Ausstattung der reich gegliederten Innenhöfe auszeichnen. Beispiele dieser mitunter etwas protzig wirkenden City-Architektur, als deren führender Vertreter John Calvin Portman gilt, sind das Hyatt Regency-Hotel in Atlanta (Georgia), das »IDS Center« in Minneapolis (Minnesota) oder die Malls (Geschäftszentrum) am »Water Tower Place« in Chicago (Illinois).

Zumeist überschwängliches Lob findet der Neubau der Nationalgalerie in Washington, D.C. nach Entwürfen von Ieoh Ming Pei, der im Juni 1978 feierlich eröffnet wird. Auf einem trapezförmigen Grundriss hat Pei zwei dreieckige Gebäudekomplexe mit zahlreichen scharfen Kanten errichtet, die für Ausstellungen bzw. Verwaltung und Studienzwecke dienen sollen. Die Baumaterialien sind hauptsächlich Beton und Marmor.

Ebenfalls auf begeisterte Zustimmung trifft der von Hans Scharoun entworfene Neubau der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin (West). Der 229 m lange und 152 m breite Bau besticht, wie bereits die 1963 eröffnete Philharmonie, insbesondere durch seine Innenraumgestaltung. Die 160 m lange Haupthalle bietet auf mehreren Ebenen Arbeitsplätze zwischen Regalgruppen, so dass der Eindruck einer weitgehend offenen »Leselandschaft« entsteht. Aufgrund einer raffinierten Dachkonstruktion fließen Kunst- und Tageslicht zusammen. Durch den Neubau der Stadtbibliothek hat das Berliner Kulturforum einen weiteren Akzent erhalten.

Eine deutliche Trendwende wird in der Bundesrepublik bei der Stadtsanierung spürbar. Bereits Anfang der 70er Jahre erkannten immer mehr Architekten und Stadtplaner, dass die »Kahlschlagsanierung« häufig zu kalten, unwirtlichen Stadtbezirken geführt hat, in denen die Menschen sich nicht heimisch fühlen. Aufgrund dieser Erfahrungen wird der Erhaltung und Modernisierung bestehender Stadtensembles der Vorzug gegeben. Ein spezielles Problem besteht dabei in der Schließung von Baulücken. Nach Meinung vieler Experten zeigt der Kölner Architekt Walter von Lom mit seinen Plänen beispielhaft, dass man Neubauten harmonisch in das Ensemble einpassen kann, ohne dass die Gebäude historisierend wirken.