Nehru-Stil oder Disco-Look – Erlaubt ist, was gefällt

Mode 1978:

Es bleibt in diesem Jahr der Kundin überlassen, nicht »wie«, sondern als »was« sie gehen will. Romantisch als Scarlett O’Hara im weiten Volantkleid mit weißem Spitzenkragen (Ter et Bantine), als Suleika in Haremshose und Kasack (Montana), als Araberin mit Kapuzenmantel, Berberhose und Türkenfes (Dorothée Bis), als Baby-Doll mit Pumphose und weitem Kittelchen, als indischer Page mit Wickelhose und einer Liftboyjacke (Thierry Mugler), im Nehru-Stil in Hemdjacke mit Stehkragen aus durchsichtigem Voile und enger Hose (Kenzo), im knackigen Military-Outfit oder im brutalen Punk-Look in nietenbeschlagener Lederkluft. Paris erlaubt (fast) alles. Hauptsache einfallsreich. Der Military-Trend ist nicht zu übersehen. Mit langen, schwarzen Ledermänteln und Overalls mit Achselklappen und Patronengürtel marschieren die Mannequins im Stechschritt über den Laufsteg. Dennoch – nur wenige wagen diese Totalverkleidung.

Aber auch in der Konfektion beginnt sich die Silhouette zu wandeln: Vom Beengenden zum Weiten. Das Modestichwort heißt »Oversize« (engl. Übergröße). Gemeint ist nicht jene Übergröße für die stärkere Frau, sondern Weites, Schlumpfiges auch für Schlanke und zum Teil nur für diese. Die ersten Schulterpolster tauchen in den Zubehörgeschäften auf. Die Weite ist an extrem geraden Schultern in losen Falten aufgehängt. Speziell Mäntel sehen drei Nummern zu groß aus und fallen durch Boxerschultern oder Ballonärmel auf. Auch der Hosenschnitt wandelt sich. Hosen sind in den Hüften bequem mit zwei bis vier Bundfalten gearbeitet, werden zum Saum hin enger und reichen nur noch bis zu den Knöcheln. Wichtig zu den neuen Hosen sind Schuhe mit hohen Absätzen. Die Hose rangiert gleichwertig neben dem Rock und wird zu einer weiten Jacke getragen, deren Schultern ebenfalls unterlegt sind.

Bei den Farben spricht man von »Summer Darks« und meint Sauerkirsch, Hollunder, Pflaume, Cassis oder Olive. Dazu die Farbnuancen der Toskana: Siena, Okker und Terrakotta.

Ein wichtiges Material ist Alcantara, synthetisch und lederähnlich, aber voll waschbar.

Pelz bedeutet nicht mehr nur Prestige, sondern auch Mode. Pelz muss nicht mehr vornehm, sondern witzig sein, weshalb es weniger auf das Fell als auf die Verarbeitung ankommt. Felle werden völlig respektlos wie Stoffe behandelt, gefärbt, mit Strick, Leder oder Stoff kombiniert, ausgelassen in Stücke geschnitten und wie ein Puzzle zusammengesetzt. Es gibt Dinner-Parkas aus schneeweißem Nerz, die mit wuscheligem, preiswertem Tibetlamm verbrämt sind. Durch den Pelzboom sind die begehrten Langhaarfelle knapp geworden; deshalb kostet ein Rotfuchs so viel wie ein Nerz.

Der Schlager der Saison ist jedoch der Wendepelz. Aufgrund der neuen Gerbverfahren ist das Innenleder der Pelze weich und leicht, so dass man bei sauberer Näharbeit kein Seidenfutter mehr braucht. So kann man je nach Geschmack und Laune die Leder- oder die Fellseite nach außen tragen, wobei die vielen Nähte vom »Federn«, »Auslassen« oder Patchwork als zusätzliches Ornament auf der Lederseite wirken. Als Accessoire dürfen in diesem Jahr Hütchen in Schiffchenform nicht fehlen, die zum Dinnerkleid mit einem Augenschleier getragen werden. Sportlich dagegen sind flache Strickmützen mit Rollrand, die nur den Oberkopf bedecken und von beiden Geschlechtern getragen werden können.

Es geht nichts ohne Stiefel: Im Sommer sind sie aus Leinen oder Jeansstoff mit weitem Schaft gearbeitet und im Winter als hochhackige City-Stiefel, eng und mit seitlichem Reißverschluss

Der Modeschock aber kommt von der Straße; kein Designer hat ihn sich ausgedacht: Punk (engl. mies, miserabel), eine neue Mode im Brutal-Look aus dem Londoner Underground. Sein Markenzeichen sind Sicherheitsnadel in Wange und Ohrläppchen, Hundeleinen und Rasierklingen als Halsschmuck und durch Sicherheitsnadel und Ketten mühsam zusammengehaltene, zerrissene Kleidung. Alles ist in Schwarz oder Grau, aus Filz, Leder oder Gummi, nur die Haare stechen davon ab. Sie stehen – streng antibürgerlich in Grün oder Rot gefärbt – zu Berge oder sind in Partien ausrasiert. Viele Modedesigner schöpfen erfreut aus dem neuen Ideenreservoir. Die stachelige und farbenfrohe Kurzhaarfrisur beginnt jedenfalls schnell Anhängerinnen zu finden.

Einen Gegentrend zum Punk findet die bürgerliche Jugend in der neuen Disco-Mode, die durch den im April in deutschen Kinos angelaufenen US-Spielfilm »Saturday Night Fever« mit John Travolta angeregt wird. Hautenge Stretchanzüge, wie sie vormals nur zur Gymnastikstunde getragen wurden, werden zu heißen Disco-Outfits. Daneben gibt es »Jalousiehosen«, die an der Außennaht bouilloniert (gerafft) sind. Das Ganze muss knalleng sein.

In der gesetzteren Freizeitkleidung findet man Cordhosen (auch aus Stretch-Cord), die die Jeans etwas aus der Mode bringen.

In der Herrenmode ist der Unterschied zwischen der etablierten Mode und den Trendsettern groß. Zwar verzeichnet der klassische Anzug klare Einbußen zugunsten von Kombinationen, aber diese lassen den von den Designern angeregten legeren Schnitt noch vermissen. Die Schultern sind zwar breit, aber die Taillierung bleibt.

Die Hosen bleiben noch ohne Bundfalten. Die Krawatten werden schmaler und die Hemdkragen kleiner. In den Farben ist man ausgesprochen zurückhaltend, man hält nicht mehr viel von »Farbtönen wie Aubergine oder sonstigem revolutionärem Gehabe. Das Wörtchen elegant ist nicht mehr verpönt. Der Gammel-Look ist vorbei«, laut Bericht von der Kölner Herrenmodewoche (»Süddeutsche Zeitung«, 9. 9.1978).

Ganz anderes wissen die Zeitungen von der Herrenmodemesse aus Florenz zu berichten: »Hier kommt der neue Mann breitschultrig und lässig daher, am liebsten in einem knittrigen Leinenjackett, das ihm mindestens um eine Nummer zu groß ist. Den flachen Kragen hat er hochgeschlagen, ein Seidenschal flattert sorglos herum« (»Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 30. 9. 1978). Der Hemdkragen kann leicht geöffnet bleiben, so dass ein blütenweißes T-Shirt zur Geltung kommt. Die Hände darf der neue Mann tief in seine geräumigen Hosentaschen stecken, denn am Bund sind mindestens vier Fältchen eingelegt.

In seiner Freizeit trägt der Herr Overalls oder Seidenblousons, falls er es edel wünscht. Für den Normalverbraucher bleibt der Parka ungeschlagen die Freizeitjacke.