Zankapfel Koop-Schule

Bildung 1978:

Die Überlastung der Universitäten und der seit Jahren währende Streit um die Gesamtschule sind zentrale Themen der bildungspolitischen Auseinandersetzung in der Bundesrepublik.

Dabei erfährt die Kontroverse um die Gesamtschule – ein Lieblingskind sozialdemokratischer Bildungspolitik – 1978 eine neuerliche Verschärfung durch die Kampagne gegen die sog. Kooperative Schule in Nordrhein-Westfalen. Was für SPD-Bildungspolitiker ein weiterer Schritt zu mehr Chancengleichheit ist, wird von der CDU und konservativen Elternverbänden mitunter als »Weg zur sozialistischen Einheitsschule« verteufelt, als Versuch, die integrierte Gesamtschule »auf dem Schleichweg« zur Regelschule zu machen. Kernstück der »Koop«-Schul-Pläne ist die Einführung einer Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6, in der die Schüler sich mit den Anforderungen der einzelnen Schulzweige vertraut machen können. Eltern und Lehrer sollen ohne Zeitdruck entscheiden können, welchen Schultyp der/die einzelne Schüler/in nach der 6. Klasse besuchen soll. In mehreren Bundesländern hat sich dieses Konzept bereits bewährt. Alle drei Schultypen, Hauptschule, Realschule und Gymnasium, sollen in Orten mit einer »Koop«-Schule organisatorisch zusammengefasst werden.

Gegen diese Pläne, die für sie noch mehr »Gleichmacherei«, Niveauverlust und eine Gefahr für den Bestand des Gymnasiums bedeuten, strengt eine Koalition aus konservativen Eltern- und Lehrerverbänden und CDU ein Volksbegehren an, das am 1. März Erfolg hat; es kommen rund 3,64 Mio. Unterschriften gegen die Kooperative Schule zusammen. Angesichts dieser breiten Ablehnung zieht die Landesregierung ihr Gesetz wieder zurück. Die sozialdemokratische Bildungspolitik hat zwar einen empfindlichen Dämpfer erhalten, das Konzept der Gesamtschule, das in mehreren Bundesländern allen Unkenrufen zum Trotz durchaus Erfolge aufzuweisen hat, ist dadurch aber nicht infrage gestellt. 1978 besuchen rund 203 000 Schüler eine der 219 Gesamtschulen (bei rund 2400 Gymnasien mit etwa 2,01 Mio. Schülern 2500 Realschulen und 17 800 Grund- und Hauptschulen mit 1,35 Mio. bzw. 5,35 Mio. Schülern).

Ein bildungspolitischer Dauerbrenner sind die Zulassungsbeschränkungen für überlaufene Studienfächer. Der anhaltende Ansturm auf die Universitäten macht einschneidende Maßnahmen dringend erforderlich. 1978 erwerben über 217 000 Schüler die Hochschulreife, mehr als doppelt so viele wie 1971. An den bundesdeutschen und Westberliner Universitäten sind 1978 rund 946 000 Studenten eingeschrieben, das sind etwa 15,2% aller Westdeutschen zwischen 19 und 26 Jahren.

Heftig umstritten ist nach wie vor, wie ein gerechtes Verteilungsverfahren für besonders begehrte Studienplätze aussehen soll. Die Kultusminister der Bundesländer können sich auch 1978 nicht einigen. Erst im März 1979, nach mehrjähriger Kontroverse, wird die Einführung eines einheitlichen Zugangstests für Mediziner ab Wintersemester 1980/81 beschlossen.