Feminität und Discoglitzer

Mode 1979:

»Feminine Eleganz auf der ganzen Linie… Die Pariser Haute Couture treibt einen atemberaubenden Luxus, … die Abendmode nimmt theatralische Ausmaße an und nimmt zwei Drittel aller Kollektionen ein… Es sind die Petrol-Dollars, die das Konzept der französischen Couturiers verändert haben… Die größeren Modehäuser verzeichnen ein Umsatzplus von 35% bis 50%«, berichtet die Modeexpertin Marietta Riederer aus den Städten Paris und Rom.

Was die modische Silhouette dieses Jahres angeht, so hat die Ankündigung der Boxerschultern und des Oversize nicht voll durchgeschlagen. Die Konturen sind eher feminin, Taille und Hüften schmal gehalten, die Saumlänge verkürzt auf gerade kniebedeckend – bei Courrèges sah man bereits das Knie.

Kleider sind mit Drapeee und Smockeffekten aufgepeppt. Man sieht kaum Muster, nur Unistoffe, sehr viel Schillerndes wie Satin, Lamé, Matelassé und Cloqué, dafür in sehr mutigen Farben. Absoluter Favorit ist Lila in allen Schattierungen von Kardinal bis ins Pink. Dazu kommen Flanellgrau und Kaviar.

Kostüme sind aus der Mode nicht wegzudenken. Sie haben Samtspenzer, Reit- und Torerojacken und Schößchenjacken. Neuartig sind gesteppte Jacken. Die schmalen Röcke wirken mit einem oder zwei Seitenschlitzen sehr sexy. Bei den Jacken sind farbige Einsätze beliebt. Grafische Muster, Paspelierungen und Samtblenden setzen klare Akzente. Sportliches, Tailormade und Hosenanzüge sind verpönt, zumindest auf den internationalen Laufstegen.

Bei den Mänteln dominierten die typischen V-Formen mit breiten Schultern, neben der glockigen Redingote mit Keulenärmeln, Stehkragen und großen aufgesetzten Taschen. Pelzmäntel sind sehr gefragt, vom klassisch-konservativen Nerz, über den jugendlichen Fuchspelz bis zum Wendemantel, dem modischen Allrounder mit außen Leder und innen Pelz.

Accessoires sind wieder »in«: Schleier, Handschuhe, Muffs, Boas, Stolas, Gürtel (besonders häufig bei Karl Lagerfeld), Gestecke und Kragen aus Federn und besonders Hüte. Baretts und Toquen sowie kleine Dreieck- oder Schiffchenformen, die umgangssprachlich auch Bibis genannt werden, aus Filz oder Samt, die leicht schräg, kess nach vorne gesetzt und – nicht ganz so passend mit Schleierchen getragen werden. Die Taschen sind zu kleinen »Foto-Boxen«, »Dreiecken« und schottischen Sporrans geschrumpft und hängen an langen Metallketten oder Seidenkordeln von den Schultern der Damen herab.

»Man ist wieder Mann, wenn man Mann ist. Der Herr trägt Schulter und Heldenbrust«, lautet die Zusammenfassung der neuen Herrenmoden-Optik des Modeexperten Johann Freudenreich in der »Süddeutschen Zeitung« vom 15. März dieses Jahres.

Die Sakkoschultern sind wuchtig und können als Sinnbild einer Tendenz zum maskulinen angesehen werden: Man spricht vom Athletic-Stil. Ein modisches Comeback der 50er Jahre ist durch diese V-Silhouette und den Zweireiher gegeben, die Nostalgie hält sich jedoch in Grenzen.

Die Hosenbeine sind schmaler geworden und unterstreichen die markante Oberpartie. Der Bund mit Bundfalten sitzt nach so vielen Jahren der Hüfthosen jetzt wieder einmal in der Taille.

Farblich bleibt der Herr sehr gedeckt. Nur die Hemden setzen Akzente. Die Krawatten sind bei der Jugend schmal.

Maskuliner, also breitschultriger, präsentiert sich der Campus- und Sportswearstil mit kurzen, aber breiten Stepp- und Wetterjacken sowie Blousons im American Baseball- und Footballstil. Ein sportives Muss sind in dieser Saison flache Strickmützen.

Im August 1979 erscheint in München die erste Ausgabe der deutschen »Vogue« in einer Auflage von 12 000 Stück (die erste »Vogue« erschien 1892 in den USA). Schon nach zwei Tagen ist die Zeitschrift an den Kiosken vergriffen.