Lehrer für kürzere Arbeitszeit

Bildung 1979:

Eine Kürzung der Lehrerarbeitszeit, das Für und Wider der Gesamtschule als Regelschule, die steigende Attraktivität nichtstaatlicher Schulen und eine Neuregelung des Hochschulzugangs sind Schwerpunkte der bildungspolitischen Diskussion des Jahres.

Am 13. November lassen in Hamburg, Hessen und Niedersachsen erstmals 10 355 in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft organisierte Lehrer zwei Schulstunden ausfallen und demonstrieren für die Reduzierung der Pflichtstundenzahl auf 25 pro Woche. Dies soll zum Abbau der Lehrerarbeitslosigkeit beitragen. Die Bundesländer reagieren darauf mit geringfügigen linearen Verkürzungen der Arbeitszeit. Die streikenden Pädagogen werden im Bundesland Niedersachsen jedoch mit Bußgeldern belegt.

Die Kontroverse um die Gesamtschule als Regelschule wird zunehmend zu einem »Glaubenskrieg« zwischen sozialdemokratisch und unionsgeführten Bundesländern. Die SPD setzt sich für mehr Gesamtschulen ein (im Bundesgebiet und Berlin [West] bisher 285, davon 157 integrierte Gesamtschulen), weil diese Schulform besonders kinderfreundlich sei und auch sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen den Weg zu höherer Bildung ebne. Demgegenüber warnen CDU und CSU vor der Gesamtschule, weil dort zu wenig geleistet, Gleichmacherei betrieben, Spitzenbegabte vernachlässigt und mehr Unsicherheit und Stress bewirkt würde. Das SPD-regierte Hamburg beschließt am 3. Oktober, neben dem dreigliedrigen Schulsystem auch die Gesamtschule als gleichberechtigte Regelschule einzuführen.

Am 18. Juni kommt ein Bund-Länder-Kompromiss über die Fortschreibung des 1973 vereinbarten Bildungsgesamtplanes zustande: Die unterschiedlichen Standpunkte in der Gesamtschulfrage sollen toleriert und die Gesamtschulabschlüsse gegenseitig anerkannt werden. Nachträglich kommt es zum Eklat: Bayern stellt den Kompromiss infrage daraufhin tritt der niedersächsische Kultusminister Werner Remmers (CDU) als stellvertretender Vorsitzender der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung zurück. Eine Einigung bleibt zunächst aus.

Angesichts der steigenden Schülerzahlen an den staatlichen allgemeinbildenden Schulen werden sog. Freie Schulen zunehmend beliebter, in denen – ausgehend von Bildungsidealen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts – individuelleres und kindgemäßeres Lernen praktiziert wird. Viele Eltern sehen darin die pädagogische Alternative zur Staatsschule. Zur Auswahl stehen in der Bundesrepublik 665 religiöse Bildungseinrichtungen (76 evangelische und 589 katholische Kirchenschulen), 32 Landerziehungsheime, 57 Freie Waldorf-Schulen, 28 Montessori-Schulen, sieben Christophorus-Schulen des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland und etwa 30 private Schulen.

Die seit Beginn der 70er Jahre betriebene Erleichterung des Hochschulzugangs führte zu einem Studentenboom, der auch im Jahr 1979 weiter anhält: Im Wintersemester 1970/71 wurden an den Hochschulen 397 075 deutsche und 24 901 ausländische Studenten gezählt, im Wintersemester 1979/80 sind es fast dreimal so viel 916 798 Deutsche und 53 486 Ausländer.

Am 1. Juli tritt ein Staatsvertrag der Bundesländer über die Vergabe von Studienplätzen in Kraft. Er beruht auf dem Hochschulrahmengesetz von 1976 und macht auch Eignungstests für Bewerber möglich, die dafür per Los ausgewählt werden. Seit 1977 wurde die Zahl der sog. Numerus-clausus-Fächer (NC), für die der Zugang begrenzt ist, auf zwölf reduziert. Auf Beschluss der Kultusminister der Länder sind ab 1980 in den NC-Fächern Human-, Zahn- und Tiermedizin sog. Abituriententests vorgesehen, die eine Eignung der Schulabgänger für das entsprechende Studienfach nachweisen sollen. Durch ein sog. Überlastprogramm an den Hochschulen sollen die Studienchancen der geburtenstarken Jahrgänge verbessert werden.