Nostalgie und Funktionalität

Nostalgie und Funktionalität
Lloyd’s Building Treppenhaus © Josef Höckner

Architektur 1979:

Monumentale Bürogebäude ohne eine verschönende Fassadengestaltung, die Neubewertung der Denkmalpflege und eine Debatte über den Sinn des funktionalen Bauens prägen die Architekturszene des Jahres.

Lloyd’s Building wurde von dem Architekten Richard Rogers entworfen - Diliff [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons

Lloyd’s Building wurde von dem Architekten Richard Rogers entworfen – Diliff [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons

Die Bürotürme der lange Zeit in Partnerschaft verbundenen britischen Architekten Norman Foster und Richard Rogers verkörpern konsequent eine auf die moderne Technik gegründete Architektur. Rogers konzipiert für die Versicherung Lloyds in London eine Zentrale (erbaut von 1979-1986), die im Wesentlichen aus mehreren Treppentürmen besteht, die wiederum durch waagerechte Geschosse miteinander verbunden sind.

Eine ähnliche Konzeption zeigt die von Foster entworfene Zentrale der Hongkong and Shanghai Banking Corporation in Hongkong (1979-1986). Dieses mit umgerechnet 1,5 Mrd. DM teuerste Bankgebäude der Welt verzichtet auf das klassische Modell eines Bankhauses mit zentralem Kern und umschließender Fassadenhaut. Acht Masten aus jeweils vier Röhren tragen das monumentale Gebäude. Der Kritiker Gert Kähler bewertet diesen Baustil – der eine vollkommene Abkehr von dem vor allem in den 20er Jahren vorherrschenden sog. Konstruktivismus darstellt – mit den Worten: »Es wird nicht mehr für eine Gesellschaft, sondern für einen Bauherrn gebaut, und genau das wird programmatisch ausgedrückt.«

Lloyd’s Building Treppenhaus © Josef Höckner

Lloyd’s Building Treppenhaus © Josef Höckner

Einen grundlegenden Kontrast zu dieser Art Architektur bildet die Ende der 70er Jahre aufbrausende Nostalgiewelle: Als Reaktion auf die Zerstörungswut der 50er und 60er Jahre führt sie nicht nur zum Schutz kulturell wertvoller Einzelbauten und Ensembles, sondern auch zur Wiederherstellung pseudo-mittelalterlicher Hauskulissen. Wegweisend ist der Beschluss der Stadt Frankfurt, gegenüber dem Römer eine kriegszerstörte Häuserzeile von sieben Fachwerkhäusern in ihrer angeblich historischen Gestalt für etwa 90 Mio. DM wieder herzurichten (fertig 1983).

Ein vorläufiges Fazit der Entwicklung der Gegenwartsarchitektur zieht eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. Die dort vorgestellten 400 Bauwerke aus Nordamerika, Japan und Westeuropa machen deutlich, dass eine zentrale Forderung der architektonischen Moderne seit der Jahrhundertwende – nach der sich nämlich die Form der Funktion zu fügen hat – schon lange kein Dogma mehr ist. Vielmehr streben viele Architekten eine bodenständige Formensprache an, die sich an den geschichtlich vorgegebenen Vorbildern orientiert.

Anders argumentiert im Aprilheft der Zeitschrift »Architectural Review« der italienische Architekt Giancarlo de Carlo: »Bauten, denen die Widersprüchlichkeit fehlt, sind simpel, sogar dumm, und die Welt geht diesen Weg nur deshalb, weil sie den Argumenten folgt, die ihr von der Rentabilität vorgeschrieben sind.« Ähnlich klingt es bei den sog. Post-Modernisten wie den US-Amerikanern Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour, deren 1972 erschienenes Buch »Learning from Las Vegas« ins Deutsche übersetzt wird (Lernen von Las Vegas). Sie plädieren für eine »organische Unordnung«, eine am Historischen orientierte Formensprache mit vielfältigen Bogen und Schnörkeln.