Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan schürt den Rüstungswettlauf erneut

Politik und Gesellschaft 1979:

»Nichts wird in den 80er Jahren so sein wie in den 70ern – nichts.« Mit diesen Worten beschreibt der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt die Situation am Ende des Jahres 1979. Es ist kennzeichnend für die Stimmung am Ausgang des Jahrzehnts, dass diese Prognose weitgehend Zustimmung findet. Die Welt ist komplizierter geworden, alte Feindbilder geraten ins Wanken, neue Machtfaktoren treten hervor.

Die Hoffnung auf eine kontinuierliche Weiterführung der Anfang der 70er Jahre begonnenen Entspannungs- und Abrüstungspolitik erhalten zum Jahresende einen empfindlichen Dämpfer: Im Dezember besetzen sowjetische Truppen Afghanistan. Das Streben um Machterhalt erreicht eine neue Dimension: Der Westen reagiert auf die Invasion mit der Forderung nach sofortigem Rückzug und – als dieser ausbleibt – mit dem Boykott der Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Erst jahrelange Verhandlungen unter Vermittlung der Vereinten Nationen sowie ein Generationswechsel im Kreml und ein damit verbundener neuer Führungsstil Mitte der 80er Jahre bringen neue Hoffnung.

Die Bevölkerung in Ost und West fürchtet zum Ende des Jahrzehnts eine neue Phase im Rüstungswettlauf: Die NATO-Staaten beantworten die sowjetische Aufrüstung im Mittelstreckenbereich mit der Modernisierung der »eurostrategischen« Waffen – längst ist der »Overkill« erreicht. Viele Menschen bezweifeln deshalb die Ernsthaftigkeit politischer Bemühungen um wirksame Rüstungskontrolle, wenn auch US-Präsident James E. »Jimmy« Carter und der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid I. Breschnew im Juni den SALT-II-Vertrag über die Begrenzung strategischer Waffen unterzeichnen.