Erstmals 1 Million Studenten

Bildung 1980:

Schulen, Hochschulen und andere Ausbildungsstätten in der Bundesrepublik Deutschland kämpfen 1980 weiter mit jenen Problemen, die ihnen die Öffnung und Demokratisierung des Bildungswesens beschert haben. Immer mehr junge Menschen streben einen höheren Schulabschluss und eine qualifiziertere Ausbildung an; die Bildungseinrichtungen versuchen sich diesem Trend anzupassen, werden aber teilweise mit dem enormen Anwachsen der Schüler- und Studentenzahlen nicht fertig.

Ein weiteres Dilemma: Immer mehr qualifiziert ausgebildete Menschen finden keinen angemessenen Arbeitsplatz; viele halten sich für überqualifiziert und fühlen sich nicht ihrer Ausbildung entsprechend bezahlt.

Der Drang zu mehr Bildung führt im Schulbereich zu beträchtlichen Umstrukturierungen: Die Hauptschule verliert immer mehr Schüler und wird allmählich zur Restschule. Zusätzliche Probleme entstehen in diesem Bereich dadurch, dass der Ausländeranteil überproportional steigt: Nur 11,1% der Ausländerkinder besuchen weiterführende Schulen.

Die Zahl der Schüler und Studenten über 16 Jahren ist von 6,2 Mio. im Jahr 1965 auf 9,6 Mio. in 1980 angestiegen, wobei dieser Zuwachs teilweise auch durch das Bevölkerungswachstum begründet ist. Aus diesem Grund sind die Bildungspolitiker denn auch nur in sehr begrenztem Rahmen bereit, Finanzmittel für die Einrichtung weiterer Ausbildungsplätze bereitzustellen. Sie rechnen damit, dass Schüler- und Studentenzahlen schon bald wieder zurückgehen werden, nachdem – dank Geburtenrückgang – die Zahl der Grundschüler bereits wieder sinkt.

Besondere Schwierigkeiten mit dem Ansturm der Bildungswilligen haben die Hochschulen. Im Wintersemester 1980/81 übersteigt die Zahl der Studenten in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) erstmals die Millionengrenze. Der Anteil der Studenten an den entsprechenden Bevölkerungsjahrgängen liegt doppelt so hoch wie 1965/66.

Vor allem streben mehr Frauen eine akademische Ausbildung an; sie beschränken sich allerdings weiterhin überwiegend auf »typisch weibliche« Fächer aus dem Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften. Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der älteren Studenten, teilweise durch längere Studienzeiten, teilweise aber auch, weil immer mehr Jungakademiker sich zu einem Zweitstudium entschließen oder erst nach dem Abschluss einer Berufsausbildung zu studieren beginnen.

Einen Einbruch haben lediglich die Lehramtsstudiengänge erlebt. Weil seit 1975 nicht mehr alle ausgebildeten Lehrer in den Staatsdienst übernommen werden, hat die Attraktivität dieser Ausbildung deutlich nachgelassen: 1975 wollten 35% der Studenten Lehrer werden, 1980 sind es noch 21%.

Die Erkenntnis, dass ein Studium nicht länger quasi automatisch zu einer gut dotierten und verantwortungsvollen Stellung im Beruf führt, hat auch Auswirkungen auf die Zukunftspläne der Abiturienten. Nur 68% derjenigen, die 1980 die Hochschul- oder Fachhochschulreife erlangen, wollen studieren; 1971 strebten 90% der Abiturienten ein Studium an.