Mode wie aus 1001 Nacht

Mode 1980:

Was die Pariser Mode in diesem Jahr bietet, liegt, wie es ein Journalist ausdrückt, »zwischen Genie und Wahnsinn«. Orientalische Folklore vermischt mit historischen Kostümanleihen bestimmt die Laufstege. »Die zwei Dutzend Pariser Schauen ertranken denn auch fast in Schönheit pour la plus grande gloire de la haute couture, die allein in der letzten Saison, man staune, 165 Millionen Dollar einbrachte, ganz ohne Lizenzen und Parfüms Die Couturiers bleiben die wichtigsten ›Lokomotiven‹ der gesamten Textil-Industrie, die allein in Frankreich 700 000 Arbeiter beschäftigt«, heißt es in der »Süddeutschen Zeitung« vom 16. August 1980.

In diesem Jahr erhalten Emanuel Ungaro und Jean-Louis Scherrer den goldenen Fingerhut, die höchste Auszeichnung für die französische Haute Couture.

Cocktailkleider scheinen trotz ihres schlichten, geraden Schnitts auf Volants nicht verzichten zu können. Doch ist der Cocktail-Anzug ein guter Stellvertreter. Weite Hose und Bluse aus schwarzem Chiffon mit Strass besetzt gilt als die modische Abendgarderobe.

Yves Saint Laurent bringt Hamlet- und Othello-Kostüme für den Tag mit Prinzen-Baretts und Straußenfedern. Seine Abend-Ensembles sind mit Motiven oder Namenszügen von Jean Cocteau, Louis Aragon und Guillaume Apollinaire bestickt. Daneben gibt es viktorianischen Glanz, vermischt mit Roben der Jahrhundertwende, und das Ganze von Goldstaub überzuckert: Corsagen aus Goldbrokat, noch bestickt mit Goldpailletten, golden die Hüte, Schuhe, Handschuhe, Gürtel, Stirnbänder und der Haarschmuck.

Nina Ricci wartet mit Kaiserin-Sisi- und Kaiserin-Eugenie-Roben auf: 50 m schwarze Taftseide mit 150 m enger Rüschen besetzt, 12 kg schwer, nicht gezählt die Unterröcke. Claude Montana inszeniert ein afrikanisch-mexikanisches Feuerwerk. Das Haus Lanvin gibt sich schlichter in einer sehr stilsicheren peruanischen Folklore. Karl Lagerfeld bringt für Chloë Blouson-Kleider mit kontrastierendem Doppelrock ab den Hüften. Besonders zukunftsorientiert ist Issey Miyake mit Anzügen aus schwarzem glänzendem Kunststoff, deren Oberteile eng wie ein Badeanzug anliegen, während Rock oder Hose um die Hüften wie luftgefüllt à la Jodhpurs abstehen. Die Designer-Entdeckung der USA stellt Ralph Lauren dar, der eine neue Sportlichkeit entdeckt, jene des klassisch-konservativen Pferdesports.

Fazit der Schauen in Paris, Mailand und New York: Die Röcke werden kürzer (trotzdem bleibt die Normalverbraucherin bei fast wadenlang), die Schultern breiter, und Hosen in allen Variationen dominieren, als Frisur Zopf oder Pferdeschwanz mit großer schwarzer Haarschleife; im Grunde eine recht praktische Mode mit einem Einschlag sogar ins Biedere. Die Dominanz der Hose geht so weit, dass Giorgio Armani verkündet: »Kein Rock mehr in meiner Kollektion.« Man sieht Knickerbockers, hautenge Bundhosen, Torero-, Piraten-, Kosaken- und Türkenhosen, Clown- und Pumphosen, Breeches und Jodhpurs. Am stärksten scheint sich die Pagenhose durchzusetzen. Dazu trägt man Männer-Jacketts, kurze Liftboy- oder aber breitschultrige Kastenjacken.

Zu einem Modemuss emanzipiert sich die Bluse, zumal jene aus reiner Seide, in Apricot, Frühlingsgrün oder Weiß. Stets in üppiger Weite, sind die Frontteile verschwenderisch in Falten gelegt oder mit Schleifen, Rüschen und Jabots großzügig aufgeputzt und mit der klassischen Schleife gearbeitet. Oder man lässt sich beim Kragen etwas einfallen, er ist fein plissiert, gerüscht, asymmetrisch drapiert. Obwohl sich die neuen Blusen so elegant geben, trägt man sie zu Jeans, zu Lederhosen und Breeches.

Überhaupt scheinen Widersprüche absolut »in« zu sein; eine weiße Kamelie am schwarzen Anorak-Blouson oder Spitzenbesatz und Seidenbändchendurchzug auf dem grob gestrickten Pullover wirken nicht als Fauxpas, sondern als gewollter Kontrast.

Besonders in Mode sind Strickkleider in Mini-Länge mit dazu passenden grob gestrickten Strümpfen. Im Strick gibt Missoni den Ton an mit den typischen in sich verfließenden Mustern. Die Strickwaren reichen von ganz dünnen Schals bis zu dicken Winterblousons und Mänteln.

Die Mäntel nehmen an Oversize-Volumen zu und lassen die Figur darunter nur noch erahnen.

Das Material von 1980 ist Leder: weiches Leder, anschmiegsam und verarbeitet wie Stoff und doch viel aufregender. Velourleder ist weiblich und in kräftigen Farben, in Sonnengelb, Pflaumenblau oder Kirschrot. Es kann zu allem, Blouson, Kleid, Hose, T-Shirt, verarbeitet werden. Glänzendes Nappaleder wirkt frech und gleichberechtigt. Nappa-Lederhosen sind weit, mit Bundfalten gearbeitet und werden zu den Knöcheln eng.

Die Herrenmode steht ganz im Zeichen des sogenannten Karriere-Stils: Dunkelblauer Kaschmir-Blazer, kombiniert mit einer Weste aus einem sanften Pastellton, gestreiftes Seidenhemd, gedämpfte Krawatte. Für die Freizeit trägt der »makellose« Mann eine klassische Lambswoolweste. Der Kamelhaarmantel mit lässig umgelegtem Schal rundet das Bild ab.