Möbelstücke als Kunstobjekte

Wohnen und Design 1980:

Die Designer haben – so scheint es zu Beginn der 80er Jahre – ihre Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft. Eine neue Formgebung ist nicht mehr notwendig, weil Verbesserungen und entscheidende Neuerungen nicht mehr möglich scheinen. Viele ziehen aus dieser Situation den positiven Schluss dass alles erlaubt ist, weil alles schon einmal da war.

So zeigt sich auch im Designbereich ein Trend zur sog. Postmoderne, bei der alte Formen aufgegriffen und in ein neues Konzept eingebunden werden. Diese Tendenz führt dazu, dass Möbel immer häufiger geradezu entgegen jeder Funktionalität konstruiert werden, dass sie als Kunstwerk konzipiert werden. Die Formfindung wird zum entscheidenden Kriterium, demgegenüber treten Funktionalität und Konstruktion in den Hintergrund. Viele Designer lehnen eine industrielle Fertigung der von ihnen entworfenen Objekte ab, weil diese die Ausdrucksfreiheit beschränken würde.

Der Anstoß zu dieser neuen Design-Philosophie kommt aus Italien. Zu den Protagonisten zählen Ettore Sottsass und Matteo Thun, die 1980 die Sottsass Associati gründen, aber auch Alessandro Mendini, der 1980 die Zeitschrift »Domus« übernimmt. Sottsass und Mendini gehören außerdem der 1976 gegründeten Gruppe »Studio Alchimia« an, die ihre Ziele in einem Katalog von 1978 so beschrieb: »Das Hauptcharakteristikum [des neuen Designs] ist vielleicht der Gedanke an die Gegenstände, nicht in ihrem funktionalen Zusammenhang, der sozusagen selbstverständlich gegeben ist, sondern der Gedanke an eine rituelle und verhältnismäßige Expressivität. Es geht um den Bezug zwischen Person und Objekt.«

Die Mitglieder des »Studio Alchimia« greifen einerseits auf bewährte Formen zurück (u.a. in ihrer »Bauhaus-Kollektion«), andererseits verfremden sie das Vertraute durch überraschende Farben und Dekors und unerwartete Details, um den Betrachter und Benutzer zu einer neuen Sichtweise zu zwingen. Insbesondere Sottsass geht es dabei auch um ein »Design der Toleranz«: Durch die Mischung aller möglichen Stilelemente zwischen Kunst und Kitsch, teuer und billig, sollen »klassenlose« Entwürfe entstehen, die keiner spezifischen Schicht zuzuordnen sind und damit allen gehören. Diese Auffassung teilen allerdings nur wenige Designer. Die meisten tendieren eher dazu, Luxusobjekte zu entwerfen.

Einen soziologischen Designansatz gibt es auch in der Bundesrepublik Deutschland. Hier findet die Theorie vom »unsichtbaren Design« viele Anhänger. Diese von dem Soziologen Lucius Burckhardt aufgestellte These geht davon aus, »dass das gestaltete Objekt nur das sichtbare Resultat eines sozialen Prozesses ist, welcher selbst unsichtbar bleibt«. Zielsetzung ist es, den Designern die Wirkung ihrer Objekte und damit die Folgen ihrer Arbeit deutlicher werden zu lassen. In letzter Konsequenz ergibt sich daraus die Forderung, Möbel so zu gestalten, dass sie das soziale Verhalten ihrer Benutzer verändern.

In diesem Sinne agiert u.a. die Gruppe »Des-in«, die umweltbewusstes Verhalten auf ihre Objekte zu übertragen versucht. Sie arbeitet vorwiegend mit halbfertigprodukten aus industrieller Herstellung, die dann in handwerklicher Arbeit fertiggestellt werden. Auf diese Weise sollen Möbel kostengünstig produziert, aber dennoch individuell erstellt werden. »Des-in« benutzt außerdem häufig Materialien aus einem Recyclingprozess Verpackungsmaterial, alte Autoreifen oder industrielle Abfallprodukte werden zu Möbelstücken verarbeitet.

Industrielle Materialien wie Lochblech, Nirosta-Stahl und Plexiglas benutzen auch andere Designer, um Möbel im sog. High-Tech-Stil herzustellen. Die Werkstoffe, die klare Formgebung und die mit Vorliebe verwendeten kalten Farben verleihen den in dieser Weise gestalteten Räumen das kühle Aussehen, das typisch ist für die beginnenden 80er Jahre.