Pauschalreisen sind »out«

Urlaub und Freizeit 1980:

Nach drei Jahrzehnten ungebremster Zuwachsraten erlebt die Tourismusbranche in der Bundesrepublik Deutschland 1980 erstmals einen Einbruch. Die Anbieter von Pauschalreisen beklagen Buchungsrückgänge um bis zu 10%. Viele Unternehmen reagieren mit Preisreduzierungen. Zu Beginn der Ferienzeit sind Pauschalangebote teilweise für die Hälfte des ursprünglichen Preises zu haben; zusätzliche Ausflüge und Veranstaltungen ohne Aufpreis sollen außerdem Urlauber anlocken, damit die von den Veranstaltern bereits fest gebuchten Flüge und Hotelbetten nicht ungenutzt bleiben.

Als Ursache der Flaute auf dem Reisemarkt gelten zum einen die gegenüber dem Vorjahr um bis zu 15% gestiegenen Flug- und Hotelpreise. Angesichts der sich abzeichnenden Wirtschaftsflaute wollen die Bundesbürger ihr Reisebudget offenbar nicht mehr unbegrenzt erhöhen. Sie bevorzugen nun preisgünstigere Ziele und billigere Transportmittel – etwa den eigenen Pkw statt des Flugzeugs. Zum anderen zeigt sich ein Trend zum individuellen Urlaub, dessen Planung und Gestaltung nicht mehr einem Reiseunternehmen überlassen werden.

Verlierer des Ferienjahres 1980 sind in erster Linie die Mittelmeerländer Spanien, Italien und Griechenland. Durch hohe Inflationsraten haben diese ehemaligen »Billigländer« inzwischen fast das Preisniveau der Bundesrepublik erreicht. Meldungen über schlampigen Service, Arbeitskämpfe, hohe Kriminalitätsraten und verschmutzte Strände schrecken weitere Urlauber ab.

Jedoch auch veränderte Erwartungen der Reisenden tragen zur Krise im Tourismus bei. Im Gegensatz zu früheren Jahren sind viele Bundesbürger nicht mehr mit Sonnenbädern und abendlichem Ausgehen zufriedenzustellen. Sie wollen auch im Urlaub ihr Bedürfnis nach neuen, anregenden Aktivitäten befriedigen, suchen sportliche Betätigung, Abenteuer, Bildung und kulturelle Erlebnisse, wie sie die klassischen Touristenorte zumeist nicht bieten können.

Einen positiven Trend können deshalb etwa die Ferienclubs verzeichnen, die ihren Besuchern eine Reihe von Aktivitäten ermöglichen und in denen oft sog. Animateure die Lust auf solche Betätigungen wecken sollen. Daneben werden aber auch neue Urlaubsländer »entdeckt«. Vor allem die ehemalige britische Kolonie Sri Lanka mit ihren Palmenstränden entwickelt sich zum neuen Lieblingsziel deutscher Ferntouristen.

Auch in ihrer immer reichlicher bemessenen Freizeit legen die Deutschen zunehmend Wert auf Aktivität, wobei Sport besonders hoch im Kurs steht. 16,9 Mio. Bundesbürger sind 1980 in den Vereinen des Deutschen Sportbundes organisiert; 1960 waren es lediglich 5,3 Mio. Hinzu kommen eine Reihe von privaten Sportgemeinschaften wie Theken-Fußballteams, Betriebsmannschaften oder Kegelrunden. Ganz oben in der Reihe der sportlichen Betätigungen steht Schwimmen, gefolgt von Wandern, Tanzen, Rad fahren und verschiedenen Wintersportarten.

Aber auch exklusivere Sportarten wie Windsurfen, Tennis und Golf finden immer mehr Freunde. Daneben wird ein klassischer Kinderspaß, das Rollschuhlaufen, zunehmend von Erwachsenen entdeckt. Diese nutzen die Rollen unter den Füßen sogar als schnelles und platzsparendes Fortbewegungsmittel in den von Autos überlasteten Innenstädten.

Entsprechend den höheren Ansprüchen und der längeren Freizeit – sie liegt nach einer Untersuchung vom November 1980 an einem durchschnittlichen Werktag bei 7: 29 h gegenüber 5: 41 h im Jahr 1964 – wächst auch das Budget, das dafür aufgewendet wird. Selbst bei Haushalten mit niedrigem Einkommen (Rentner und Sozialhilfeempfänger) werden 9,1% des verfügbaren Einkommens für Freizeitgüter aufgewendet; bei Beamten und Angestellten mit höherem Einkommen sind es sogar 19,4%, wobei jeweils etwa ein Drittel dieser Summe für den Urlaub zur Verfügung steht.