Löcher, Fetzen, Fransen – die Mode der Modeverweigerung

Mode 1982:

Alle sind davon überzeugt, dass die totale Modedemokratie ausgebrochen ist. Dass »alles geht« verunsichert jedoch jene Frauen, die sich nicht ständig mit den – im Grunde sorgfältig abgestimmten – Kombinationen beschäftigen.

Auch die Politik bleibt nicht ohne Einfluss auf die Mode. Der legere, unkomplizierte Stil, den die Anhänger der Partei der Grünen vertreten, lässt die starren Konventionen bezüglich passender und unpassender Kleidung ins Wanken geraten. Verstärkt wird der Schock-Effekt noch durch die Aufnahme des Punk-Stils in die Mode. Die Designer sprechen vom Fetzen- und post-atomaren Löcher-Look, und in der Tat werden Löcher in Pullover eingestrickt und Rocksäume ausgefranst. Die vielen übereinandergetragenen »schlumpfigen« Schichten werden mit einem Gürtel aus Tauen oder grobgeknüpftem Netz zusammengehalten. Kein farbiger Lichtblick beleidigt das Auge, nur Schwarz, Grau und Schlamm treffen die Aussage der »Null-Bock« bzw. »No-Future«-Generation.

Am besten machen die Japaner die »apokalyptische Endzeitmode« vor. Sie präsentieren bei den Pariser Avantgarde-Schauen eine völlig neuartige Auffassung von Mode, eine Art intellektuelle Modeverweigerung. Ihre weite, »rein zufällig« um den Körper drapierte oder gehaltene Kleidung ist aus ärmlich wirkenden Stoffen, Knitterleinen oder Crinkle-Baumwolle. Rei Kawakubo, Designerin der japanischen Firma »Comme des Garçons«, zeigt ihren durchlöcherten Höhlen-Look an zerzausten Mädchen mit ungeschminkten Gesichtern oder solchen, bei denen das Rouge rein zufällig an Mund und Schläfen geraten scheint. Sie zerfetzt Röcke zu flatternden Streifen, knotet zusammen und überrascht mit einer Vielzahl über Kreuz gewickelter Kleidlösungen. Yohji Yamamoto zieht schenkellange, schmale Nehrujacken als ärmellose Tuniken über fast knöchellange Wickelröcke. »Wieder versöhnt mit Japan und Indien war man schließlich bei Kenzo«, schreibt Peter Bäldle, »der seinen blütenweißen Maharadscha-Look neu interpretierte. Er brachte neben wadenlangen poetischen Nachthemdkleidern den kürzesten Mini von Paris.«

Konventioneller geht es dagegen bei den etablierten französischen Designern zu. Ungaro beweist wieder seinen perfekten Umgang mit Blumenmustern und die Kombination mit Streif. Yves Saint Laurent tanzt insofern aus der Reihe, als er die fröhlichste Kollektion seit Jahren hervorgebracht hat. Die eigenständigste Handschrift bietet Karl Lagerfeld für Chloé mit seiner Gitarrenlinie und einem ganzen Orchester von Gags wie schwarz-weißen Pianotasten als Ohrringe, Halsbänder, Gürtel oder Kuverttaschen, goldenen Waldhörnern und Geigen als Armreifen und Broschen. Wickelblusen mit kurzen Kimonoärmeln, runden Schultern und breiten Schillerkragen schmiegen sich weich um die Konturen, werden durch breite Miedergürtel gehalten. Darunter spannen sich knielange Röcke mit Gehschlitz eng um Hüften und Po.

Claude Montana lässt angeregt durch Rainer Werner Fassbinders Film »Querelle«, den Marine-Look neu interpretiert wiedererstehen.

Den goldenen Fingerhut erhalten in diesem Jahr Hubert de Givenchy und Pierre Cardin.

Unter den italienischen Designern gilt Gianfranco Ferré als die Entdeckung. Als ehemaliger Architekt entwickelt er die Mode aus geometrischen Formen – Dreiecken, Vierecken und Kreisen –, setzt gegensätzliche Materialien zusammen, betont Kontrastformen und asymmetrische Effekte. Seine Schnitte sind unglaublich kompliziert und ausgezirkelt. Alles wirkt bei ihm sehr edel.

Sieht man von der Designer-Mode und jener der »Neuen Wilden« ab, so sind Hosen der eindeutige Favorit, Hosen in allen Variationen, wobei alle »verkürzten« Varianten besonders beliebt sind: Gerade kniebedeckende Pluder- und Pumphosen, Reithosenvariationen, Bermudas, Caddies (benannt nach den Golf-Gehilfen) und vor allem Pagenhosen. Die Kniebundhosen werden zu allen Gelegenheiten – auch abends aus schwarzem Satin – getragen, ungeachtet der Beinform der Trägerin. Bei den Röcken wählen die Frauen mehr nach Typ und Figur ihren Stil, ob weit oder eng und wadenlang, oder – diesmal tatsächlich der Jugend vorbehalten – minikurz als weiter Hänger, der über einen Hüftgürtel hochgeschoppt wird.

Eine modische Entdeckung dieses Jahres sind romantische breite Schulterkragen aus zartem weißem Organza oder im folkloristischen Stil aus Baumwolle. Sie putzen das »kleine Schwarze« ebenso wie Pullover und Strickjacken auf. Dem Strick gelten in diesem Jahr alle Einfälle, von sich um den Oberkörper windenden Schlangen über Giraffenköpfe mit einem Ärmel als Giraffenhals bis zu Landschaften, Schneemännern und Häusern. Dazu kommt eine breite Palette von Mini-Strickkleidern.

Das Mode-Diktat der Stunde sind Plaids, Vierecktücher, möglichst einsfünfzig im Quadrat, die oftmals den Mantel ganz ersetzen. Wer es sich leisten kann, trägt sie aus Kaschmir, zwischen 800 und 1000 Francs das Stück. In jedem Fall aber müssen sie von Goldfäden durchwirkt sein.

Leder bleibt eines der begehrtesten Materialien. Man kann sich Hosenanzüge und Kostüme kaum mehr ohne glänzendes Nappa-Leder oder stumpfes, aber farbkräftiges Velour-Leder vorstellen. Dem Leder Konkurrenz zu machen hoffen die Hersteller vergleichbarer synthetischer Materialien wie Alcantara, Amaretta und Sofrina. Zu einer großangelegten Promotion gestalten die namhaftesten Pariser Designer, wie Kansai Yamamoto und Claude Montana, ausgefallene Kollektionen daraus. Besondere Anregungen kommen vom Sport; diesmal von neu geschaffenen Tanzsportarten der Jugend: Breakdance und Robotdance. Sie bringen Jogginganzüge in Neonfarben, mit Grafitti-Männchen verziert, und amerikanische Farmermützen auf den Markt.

Weniger als eigentliche Mode, sondern als Massen-Invasion über die ganze Welt erweisen sich die sogenannten Deely Bobbers, zwei Glitzerbällchen oder -herzen, die auf Drähten fixiert sind und mit einem Stirnreif getragen werden. Von jung bis alt nennt jeder zumindest ein Exemplar dieser Schaustücke sein eigen. Ebenso glitzernd sind in diesem Jahr die Badeanzüge aus »Fischhaut« oder Schlangendruck.

Leder ist das Material auch der Männermode in diesem Jahr. Antik-Leder wie vom Flohmarkt, verschossen und riffelig, soll ein gewisses »Looking poor« vermitteln. Die Herren hüllen sich ungeniert in vergammelte Lederjacken, Leder-Overalls oder Blousons mit Lammfellkragen.

Der konventionelle Anzug wird von der Freizeitmode verdrängt. Blousons in allen Variationen, Sakkos aus Searsucker und Knitterleinen – dazu bunte Hemden – halten Einzug in die Herrenmode.