Marktwirtschaft im Verkehr

Verkehr 1982:

Nachdem der sozialdemokratische Bundesverkehrsminister Volker Hauff 1981 noch zu einer Neuorientierung in der Verkehrspolitik aufgefordert und eine Reduzierung des motorisierten Verkehrs auf ein »sinnvolles Maß« angekündigt hatte, kommt es 1982 erneut zu einer Umorientierung. Die neue CDU/CSU/FDP-Regierung in Bonn will auch in der Verkehrspolitik marktwirtschaftliche Grundsätze verwirklichen und »auf den Verkehrsmärkten durch angemessene Marktordnung funktionsfähigen Wettbewerb und die freie Wahl des Verkehrsmittels« sichern. Statt »Gängelei und Vorschriftenflut« müsse die Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden.

Insgesamt geht das Verkehrsaufkommen 1982 in der Bundesrepublik Deutschland leicht zurück. Die wirtschaftliche Rezession hat im Güter- wie im Personenverkehr einen Rückgang der Transportnachfrage zur Folge. Unter dieser Entwicklung haben vor allem die öffentlichen Verkehrsträger zu leiden, während der Individualverkehr weiterhin wächst.

In der Bundesrepublik sind 1982 24,1 Mio. private Pkw zugelassen, noch einmal fast 400 000 mehr als im Jahr zuvor. 78% der Personenkilometer (PKM; beförderte Personen×Entfernung in km) werden 1982 mit dem Privatauto zurückgelegt. Der Anteil des öffentlichen Personenverkehrs liegt bei 13%, der der Eisenbahn bei 7% und der des Luftverkehrs bei 2%.

Das weitere Anwachsen der Blechlawine wirft u.a. erhebliche Sicherheitsprobleme auf. Vorschläge zur Erhöhung der Verkehrssicherheit legt 1982 die von der Bundesregierung eingesetzte sog. Höcherl-Kommission (benannt nach ihrem Leiter, dem CSU-Abgeordneten und früheren Innenminister Hermann Höcherl) vor. Sie befürwortet u.a. einen fünfjährigen Großversuch mit Tempo 30 in Wohngebieten sowie eine generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen.

Die Deutsche Bundesbahn, die am 13. Mai ein neues Management mit erweitertem Handlungsspielraum erhält, erweist sich 1982 einmal mehr gegenüber dem Privatverkehr als kaum konkurrenzfähig. Ihre Schulden belaufen sich 1982 auf etwa 38 Mrd. DM; gleichzeitig muss der Bund etwa 13,6 Mrd. DM an Ausgleichszahlungen leisten. Um das Defizit abzubauen, sollen nun verstärkt die hochfrequentierten Strecken ausgebaut und die wenig genutzten stillgelegt werden. Darüber hinaus ist ein beträchtlicher Personalabbau geplant. Schon in den vergangenen acht Jahren hat die Bahn ihre Mitarbeiterzahl um etwa 95 000 auf 314 000 reduziert. Bis 1990 sollen noch einmal etwa 70 000 Stellen gestrichen werden.

Ehrgeizigstes Investitionsprojekt der Bahn sind die z.T. schon im Bau befindlichen Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Hannover und Würzburg, Mannheim und Stuttgart sowie Köln und Groß-Gerau, die zu einem beträchtlichen Teil durch Tunnel geführt werden. Auf diesen Routen sollen im nächsten Jahrzehnt die Personenzüge Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h erreichen. Mit der so erzielten Fahrzeitverkürzung hofft die Bundesbahn neue Kunden gewinnen zu können.

Um auch kurzfristig ihr Angebot attraktiver zu gestalten, führt die Bundesbahn 1982 zwei Neuerungen ein: Vom 24. September bis zum 12. Dezember läuft die Aktion »Rosarotes Wochenende« für Wochenendreisen zum Pauschalpreis unabhängig von der Entfernung. Vom 1. Dezember an wird als zusätzliche Leistung der »IC-Kurierdienst« angeboten, mit dem kleinere Sendungen in einem besonderen Abteil der Intercity-Züge schnell an ihren Bestimmungsort transportiert werden können.

In Zusammenarbeit mit der Lufthansa entsteht ein weiteres Bahn-Angebot. Ab März übernimmt der »Lufthansa-Airport-Express« den Zubringerdienst zwischen den Flughäfen Düsseldorf, Köln/Bonn und Frankfurt am Main. Damit reagiert die Lufthansa auf die Unrentabilität vieler Kurzstreckenflüge und die Überlastung des Frankfurter Flughafens.